Baut Berlin Wolkenkuckucksheime statt Wolkenkratzer, Herr Eberl-Pacan?

… oder was passiert, wenn jemand die Absicht hat, eine Wohnung zu errichten?

Als ich 1979 nach Berlin kam, waren Wohnungen mehr als knapp. Als ich 1981 mit Freunden eine Wohngemeinschaft gründete, herrschte große Wohnungsnot. Als ich zehn Jahre später wieder eine Wohnung ganz allein für mich suchte, waren Wohnungen schwer zu finden. Als ich drei Jahre später eine Familie gründete, fehlten tausende von Wohnungen. Als ich 13 Jahre später vor dem Scheidungsrichter stand, … und so weiter und so fort.

Berlin hat, wie leider fast alle Großstädte, ziemlich durchgängig ein Problem damit, ausreichenden und bezahlbaren Wohnraum anzubieten.

Vorschläge zur Lösung dieser Wohnungskrisen gab es viele. Jede neue Regierung trat an mit neuen Ideen und versprach den Wählern das Blaue vom Himmel herunter: sozialen Wohnungsbau, Vereinfachung der Bürokratie und des Baurechts, Kredite, Förderungen und Steuererleichterungen, Baulückenkataster, Verkauf landeseigener Grundstücke an Spekulanten, Ausbau der Dachgeschosse ….

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Vor 26 Jahren bin ich auch deswegen Architekt geworden, um mitzuhelfen, diesen Missstand ein für alle Mal zu beseitigen. Doch auf meinem langen Berufsweg musste ich erfahren, dass es gar nicht so einfach ist, in Berlin ausreichend bezahlbare Wohnungen zu bauen. Viele gute Ideen, viele leere Versprechungen und bei der Umsetzung hapert es an allen Ecken und Enden.

Wiederentdeckung einer Wohnungsreserve

Nun hat der Senator für Stadtentwicklung und Umwelt Andreas Geisel (SPD) die Dachgeschosse als Wohnungsreserve wiederentdeckt. Es gebe genug Platz auf Berlins Dächern für tausende dringend benötigte Wohnungen, verkündet er und aus seiner Sicht müsse in Berlin deutlich dichter und höher gebaut werden. Nur so könne der Bevölkerungszuwachs bewältigt werden, ohne allzu viele Grünflächen zu verlieren.

Doch der Senator baut fern der Realität ein Wolkenkuckucksheim. Seit einem Jahr sind Dachgeschosswohnungen und selbst größere Neubauvorhaben in der verdichteten Innenstadt kaum mehr genehmigungsfähig. Grund sind die plötzlich fehlenden Rettungswege über die Geräte der Feuerwehr (Leiterfahrzeuge).

Wie kommt das? Eine Vielzahl der Straßen Berlins ist zu schmal. Vor allem in beliebten Wohngegenden, wie Pankow, Schöneberg, Kreuzberg oder Friedrichshain, bleibt zwischen parkenden Autos und ausladenden Straßenbäumen nur eine schmale Fahrgasse, durch welche die breiten Fahrzeuge der Feuerwehr gerade noch fahren können.

Die Einsatzkräfte haben jedoch keine Chance, dort bei Einsätzen die für einen sicheren Stand notwendigen Strebefüße und dann die Leitern auszufahren. Ebensowenig können sie zwischen den abgestellten Fahrzeugen die seitlich angeordneten Boxen mit wichtigen Gerätschaften öffnen.

Tut jemand etwas? Die Bezirke ducken sich weg. Ihre Tiefbauämter müssen die Anwohner mit Parkplätzen versorgen und sie verdienen gut mit der Parkraumbewirtschaftung. In vielen Straßen, die breit genug erschienen, wurde kurzerhand einseitiges Senkrechtparken eingeführt, um die Zahl der Stellplätze zu maximieren.

Andreas Geisel, seit gut zwei Jahren Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, hat bereits im Juli den Bezirksbürgermeisterinnen und Bezirksbürgermeistern einen Brief geschrieben und sie gebeten, hier im Sinne seiner Wohnungspolitik einzuschreiten. Ob ihn jemand der Empfänger gelesen hat? Passiert ist seither jedenfalls nichts. Anfragen von Bauwilligen an diese Adresse verhallen weiterhin ungehört.

neue Zeile

Die Feuerwehr pocht strikt auf ihre Gesetze und Regeln. Ohne ausreichend Platz kein Rettungsweg. Ohne Rettungsweg kein Neubau, schon gar kein Dachgeschossausbau. Der Hinweis, dass der fehlende Rettungsweg im Notfall doch auch die Rettung von Menschen in bereits bestehenden Wohnungen in den Gebäuden − einschließlich neu ausgebautem Dachgeschoss – betreffen würde, trifft auf taube Ohren. Gleiches Recht für alle heißt nicht, gleiches Unrecht für alle.

Auf den Tischen von Brandschutzplanern und Prüfingenieuren für Brandschutz häufen sich in der Zwischenzeit die verzweifelten Anfragen von Architekten und ihren Bauherrn, die gerne die vom Senator gewünschten und dringend benötigten Wohnungen bauen würden, aber keine Genehmigung bekommen. Jeder sucht nach bestem Wissen und Gewissen nach Schlupflöchern.

Neubauten, die weit niedriger als Hochhäuser sind, müssen mit Sicherheitstreppenhäusern ausgestattet werden, in denen aufwendige und wartungsintensive Technik für Sicherheit sorgen soll. Neue Stahltreppen werden, soweit trotz geringer Abstandsflächen oder städtebaulicher Vorgaben möglich, in Hinterhöfe gestellt, damit die neuen Bewohner sie im Notfall nutzen können. Die „alten“ Bewohner bleiben dann auf der Strecke?!

Doch Einzelfalllösungen finden sich nicht immer und schon gar nicht schnell. Allein in Pankow sind unserem Büro mehrere hundert Wohnungen in Bauvorhaben bekannt, die so verhindert oder zumindest verzögert werden.

Was tut der Senator? “Wenn wir so viele Einwohner hinzugewinnen und so viele Wohnungen bauen müssen, dürfen wir nicht zu viel Fläche verbrauchen”, verkündet er in den Medien. Großen Grünflächen trügen viel zur Qualität der Hauptstadt bei. „Wenn wir diese Qualität bewahren wollen, müssen wir dort, wo wir bauen, dichter und höher bauen als bisher.“ Doch wie das gehen soll, verrät er denen, die es tun wollen nicht. Seine Erkenntnis: Dicht bebaute Stadtteile mit engen vollgeparkten und baumbestandenen Straßen, wie Schöneberg, Kreuzberg oder Friedrichshain, dürften nach heutigen Verordnungen überhaupt nicht mehr entstehen. Trotzdem seien das die begehrtesten Wohngebiete der Stadt. „Daraus leite ich ab, dass städtebauliche Dichte und Qualität sich nicht ausschließen.“

Das gilt: solange es nicht brennt und niemand die Absicht hat, eine neue Wohnung zu errichten.

Gibt es weitere Erkenntnisse des Senators? Um Flächen sinnvoll zu nutzen, müssten auch deutlich mehr Dachgeschosse ausgebaut werden, fordert er. Lediglich sieben Prozent der Dachgeschosse in Berlin würden zum Wohnen genutzt. „Da steckt ein Potenzial von 50.000 Wohnungen drin“, sagte der Senator. Wie wahr, wie wahr, seufzen jene, die dieses Potenzial heben und diese Wohnungen errichten wollen. Vor ihnen liegt ein ungewisser und steiniger Weg.

Die vielen Behörden, die bei Genehmigungen völlig unkoordiniert mitentscheiden dürfen, legen ihnen die große und schwere Steine dorthin, die – wenn überhaupt − von Architekten und Bauherrn nur in mühsamer Kleinarbeit zur Seite geräumt werden können. Derweilen wartet der Senator tatenlos auf die vielen schönen Wohnungen; bis zur Neuwahl im September.

Eberl-Pacan
Architekten + Ingenieure für Brandschutz
Fasanenstraße 44
10719 Berlin-Wilmersdorf
Tel. +49 30 700 800 930