Das Prinzip Brandschutz +

Eine heftige Brandschutz Diskussion – Teil 6

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Teil 6 „Berlin Plaza“

Es fühlt sich an wie eine Sackgasse. Schwitzend sitze ich auf einem Stuhl im Bryant Park in New York und erhole mich von der Feierabendhektik in der Subway. Das ist hier schon eine andere Nummer als Berlin. Meine Jagd nach einem Auftrag quer durch die halbe Welt ist so gut wie beendet. Gerade komme ich von David, der mit seinem Architekturbüro am Broadway residiert. Von dort aus steuert er internationale Projekte für Studentenwohnheime.

Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen. Ein Anruf in meinem Büro, ein Termin in Berlin. David war von unserer Arbeit und unseren Vorstellungen zum Brandschutz für sein innovatives Konzept durchaus angetan. Eine „atemberaubende alte Fabrik in Kreuzberg“ soll umgebaut werden zu einem „neuen Paradigma des Auslandsstudiums. Studenten leben und lernen in einem inspirierenden, kreativ gestalteten Raum, der die lebensverändernde Erfahrung respektiert, die der Aufenthalt im Ausland darstellt“, so die Projektbeschreibung.

Building permission

Da darf Brandschutz nicht im Wege stehen. Schon gar nicht, wenn sich internationale Investoren, die sonst so schnell nichts abschreckt, wilde Gerüchte über die Unüberwindlichkeit deutscher Baugesetze zuraunen. David hatte von ihnen gehört, bevor er in unser Büro kam, und daher einen Heidenrespekt vor dem deutschen Baurecht: „It looks like it takes more than three months to get a building permission in Berlin?“ Ich konnte ihn leider nicht beruhigen: Unter einem Jahr war an eine Baugenehmigung gar nicht zu denken.

Und ohne einen vernünftigen Brandschutznachweis war sie auch nicht viel wert. Doch dafür bin ich ja da. „Du musst dich schnell entscheiden“, hatte ich ihm damals gesagt, „und deine Pläne auf den Tisch legen. Wir kümmern uns um den Rest. Doch das kostet!“„Tell me your price“, war seine Antwort gewesen. Den hatte er erhalten. „Too expensive!“ Er wollte noch nicht einmal darüber verhandeln.

Wir trafen uns danach noch einmal in Singapur und eben heute Nachmittag in New York. „Reinhard, your fire protection planning is really good, but we’re working with a non-profit organisation for study abroad programs. Since we can’t pay that much money, you’ll have to accept this.“„David, ihr spart an der falschen Stelle! Eure Planung für die Auslandsstudenten ist sehr anspruchsvoll. Wenn ihr wirklich Flure als großzügige, möblierte Gemeinschaftsbereiche umsetzen wollt, braucht ihr einen Brandschutzingenieur, der euch ein maßgeschneidertes Brandschutzkonzept liefert – oder ihr zahlt euch später dumm und dämlich für die teure Anlagentechnik.“ Doch mein Argument zog nicht, er zuckte nur leicht mit den Achseln: „I don’t give a shit, what happens later!“ Wer nicht hören will, muss fühlen, denke ich, aber dann ist es leider für mich zu spät, allerdings auch für das Projekt.

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Bryant Park

Noch immer im Bryant Park vibriert mein Telefon. Gerade will ich mich in die Schlange vor Talenti Gelato e Sorbetto zwängen, um ein Eis zu ergattern, und dann, wenn sich ein Platz findet, am Southwest Porch relaxen, aber der Vibrationsalarm ist gnadenlos. Schließlich gebe ich auf.

Es ist Boris. Er klingt verzweifelt: „Reinhard, ich habe ein Problem.“ Eis und Entspannung kann ich erstmal abschreiben. Ich muss mir Boris’ vielfältige Herausforderungen im fernen Berlin anhören. Und das nimmt kein Ende. Er bemerkt gar nicht, dass ich gerade nicht um die Ecke, sondern rund 6385 Kilometer Luftlinie entfernt bin. Endlich geht ihm die Luft aus und er macht eine Pause. Vorsichtig merke ich an, dass ich ihm so schnell nicht zur Hilfe kommen könne. „Wie? Wo bist du denn?“„…“„Wo? New York? Was machst du denn da?“„…“„Quatsch! Ich brauch dich in Berlin! Wann kannst du hier sein?“

Warum kann ich nicht Nein sagen? Warum kann ich nicht einfach ein paar Tage New York genießen? Ich komme nicht jeden Tag in diese Metropole mit ihrer besonderen Energie: die Skyline, Manhattans Raster, Ikonen der Architektur und der Ingenieurkunst, Museen, Theater und Bars, Musikfestivals, Sprachen, Speisen und Spleens, Bookstores, Neighborhoods, High Line, Subway Art, Graffiti und so vieles mehr. Das alles soll ich jetzt zurücklassen, nur weil Boris ein Problem mit der Eröffnung einer Ladenpassage in Berlin hat? Nach seinem Auftritt bei JFK (siehe Teil 5) hat er meine Hilfe nun wirklich nicht verdient. „Du kannst schon Nein sagen“, feixt Boris am Telefon, „aber nicht zu mir!“

Bauverzögerung und Jetlag

Endlose vierundzwanzig Stunden später liegen zwei schlaflose Nächte hinter mir. Der Jetlag hat mich voll im Griff. Draußen graut der Morgen, langsam schält sich die Sonne aus einem diffusen Rot und der Himmel darüber wechselt trübe von Grau zu Weiß. Seit einer Stunde sitze ich an meinem Laptop, beobachte die Dämmerung und versuche, Ordnung in meine E-Mails, mein Passwort-Chaos und meine Gedanken zu bringen.

Das Projekt von JFK und Boris ist genial gescheitert. Statt einer feierlichen Eröffnung hagelt es vernichtende Schlagzeilen in der Presse: „Bauverzögerung in Berlin-Mitte – die Shoppingmall ‚Berlin Plaza‘ eröffnet später.“ Mit Bauverzögerungen kämpften in Berlin nicht nur die Planer des Flughafens BER, berichten die Medien unisono, sondern auch die Bauherren eines der größten Einkaufszentren der Stadt. Schwierigkeiten gebe es beim Brandschutz und beim Innenausbau. Deshalb könne der Prestigebau nicht wie geplant eröffnet werden.

Das Einkaufszentrum wirkt wie ausgestorben, als ich es zum ersten Mal betrete. Vor der Aufzugstür wartend bemerke ich Brandschutzwachen, die lustlos durch Galerien schlurfen. Kaum habe ich den Aufzug verlassen, höre ich JFK im Konferenzraum toben: „… erst wird es ein Vierteljahr später, dann ein halbes Jahr! Ich kann es mir nicht vorstellen, im Gottvertrauen auf deutsche Ingenieurskunst, dass die Brandschutzanlage noch nicht fertig ist! Es muss doch um Himmels willen jemand in der Lage sein, das Ding rechtzeitig zum Laufen zu bringen.“ Geräuschlos lasse ich mich auf einem der hinteren Plätze nieder. JFK ignoriert mich noch nicht einmal. Vor einem mucksmäuschenstillen Publikum aus Projektsteuerern, Architekten, Bauleitern* und *Baufirmenvertretern fährt er mit seinen Tiraden fort.

kein Text

Brandfallsteuermatrix

Alles wäre doch so einfach gewesen. Boris lauscht zerstreut meinen Worten, als wir später im Weinhaus Huth in der Alten Potsdamer Straße sitzen. Er wirkt niedergeschlagen und macht den Eindruck, als habe er kaum Antworten auf meine Fragen. Warum hat er nicht rechtzeitig für eine Beauftragung des Brandschutzplaners bei der Ausführungsplanung, der Ausschreibung und der Vergabe gesorgt? Warum hat er sich nicht bei der Bauleitung von einem erfahrenen Brandschutzbauleiter unterstützen lassen?

„Das sind doch alles bloß Märchen“, mault Boris, „du weißt doch, wie es draußen auf der Baustelle zugeht. Da warten jeden Tag 500 neue Aufgaben, Fragen, Behinderungsanzeigen und so weiter und so fort. Ich muss mich auch noch mit anderen Dingen als dem Brandschutz rumschlagen. Wenn dann die sogenannten Brandschutzsachverständigen und -gutachter kommen, haben die doch auch keine Lösungen parat, sondern sorgen nur wieder für neue Probleme. Wir wollen fertig werden mit unserem Projekt und können dem Bauherrn nicht endlos hohe Kosten auflasten.“„Ihr seid mir Helden“, werfe ich ein, „und vor lauter Bäumen seht ihr den Wald nicht. Vier Tage vor Eröffnung stellt ihr fest, dass eine Brandfallsteuermatrix fehlt, für deren Programmierung allein Spezialisten rund vier Wochen brauchen? Die verschobene Eröffnung kostet JFK jetzt ein Vermögen.“

„Ich will dir mal illustrieren, womit ich so meine Zeit als Bauleiter verbringe“, klagt Boris weiter, fischt ein Papier aus seiner Tasche und schiebt es mir mit einem angewiderten Ausdruck über den Tisch. Dort steht:

Nach Durchsicht der von Ihnen vorgelegten Unterlagen zum BV … in Berlin werden zum Abschluss der brandschutztechnischen Prüfung noch folgende notwendige Unterlagen/Nachweise benötigt:

  1. Allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung Z-19.17-… für Brandschutzmanschetten an Rohrleitungen (nicht nur das Deckblatt), Übereinstimmungsnachweis hierfür liegt vor
  2. Allgemeinen bauaufsichtlichen Prüfzeugnisses P-…-MPA … für die Rohrabschottungen nichtbrennbarer Rohrleitungen (vorgelegtes Deckblatt nicht ausreichend, zugehöriger Übereinstimmungsnachweis fehlt)
  3. Allgemeine bauaufsichtliche Zulassung Z-6.20-… für T30+RS-Türen (Geltungsdauer bis 31.03.2014 – unzulässig, da Einbau sicherlich erst nach Mai 2014 erfolgte – aktuelle Zulassung und Übereinstimmungserklärung der Einbaufirma erforderlich)
  4. Allgemeines bauaufsichtliches Prüfzeugnis P-2003-… für die Rohrabschottungen der Trinkwasser-, Heizungs-, Abwasser- und Lüftungsleitungen (Geltungsdauer bis 30.03.2014 – unzulässig, da Einbau erst nach Mai 2014 erfolgte – aktuelle Zulassung erforderlich)
  5. Verwendbarkeits- und Übereinstimmungsnachweis für den verwendeten Fußbodenbelag im notwendigen Treppenraum (mindestens schwerentflammbarer Baustoff – B 1)
  6. Abnahmeprotokoll der Aufzugsanlage
  7. Abnahmeprotokoll Rauchabführungsöffnung in notwendigen Treppenräumen
  8. Abnahmeprotokoll …

Sobald uns die notwendigen Unterlagen vorliegen werden wir den Prüfbericht erstellen und Ihnen das Prüfergebnis mitteilen.

Bauleitung Brandschutz

Er ist wirklich verzweifelt: „Da stellt sich doch die Frage, ob das alles Teil der Bauleitung durch den Architekten ist. Es muss doch Grenzen geben, was für ein Gebäude an Nachweisen und Zulassungen verlangt werden darf oder bin ich hier zu hemdsärmelig? Die Handwerker sind meistens gar nicht in der Lage, derartige Dinge abzuarbeiten. Und wenn ich die brandschutztechnischen Belange in der Baudurchführung an Spezialisten abgebe, wer koordiniert diese dann?“

„Boris, jetzt hör mir mal genau zu!“ Wir sitzen uns Auge in Auge gegenüber …

Fortsetzung
zu Teil 1

Fußnoten:

Projektbeschreibung

Wir lehnen die Standard-Betriebsverfahren für ein Studentenwohnheim ab. Zu oft sind sie langweilig, eng, unbequem, und uninteressant, mit beschissenen Spanplattenmöbel und Wegwerf-Ausreden für Gemeinschaftsräume.

In Zusammenarbeit mit einem Non-Profit-Anbieter für Auslandstudien, baut Makro Meer eine atemberaubende alte Fabrik in Kreuzberg von Berlin in ein neues Paradigma des Auslandsstudiums. Studenten leben und lernen in einem inspirierenden, kreativ gestalteten Raum, der die lebensverändernde Erfahrung respektiert, die das Semester (oder ein Jahr oder drei Wochen) im Ausland darstellt.

PARTNER, CONCEPT, DESIGN + DIRECTION:
David Belt, Macro Sea, Executive Director

LEAD DEVELOPMENT MANAGEMENT:
Ofer Ohad, Macro Sea, Executive Vice President of Development

LEGAL OVERSIGHT + PROJECT DEVELOPMENT:
Rebecca Birmingham, Macro Sea, Creative Director + General Counsel

FINANCING OVERSIGHT + PROJECT DEVELOPMENT:
Alex Escamilla, Macro Sea, Director of Development

DESIGN DEVELOPMENT:
Nicko Elliott, Macro Sea, Design Director

PROJECT MANAGEMENT:
Jordan Barr, DBI, Project Manager

DESIGN ARCHITECT:
Vamos Architects

Projekt

Southwest Porch

Experience the good life for no cost

Bryant Park has a new spot to relax and recharge. Southwest Porch, located near the southern end of the Fountain Terrace, offers all visitors the ambience and luxury usually available only to a few. Equipped with rockers, swings, and Adirondack chairs typical of those found at expensive hotels and resorts, Southwest Airlines® is giving all of New York an al fresco lounge to celebrate its new service to LaGuardia Airport.

Plus, stop by the Porch with your laptop, iPod, or cell phone for a different type of refueling – power outlets are available to keep all of your devices going.
Bring your lunch, your book, your friend, or just yourself. It’s a fantastic new way to enjoy NY’s most beautiful park.

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Bauverzögerung in Berlin-Mitte

Die „Mall of Berlin“ am Leipziger Platz öffnet später

von Cay Dobberke, Thomas Loy, Mohamed Amjahid

Blick auf den Bundesrat. Aus der glasüberdachten Passage der „Mall of Berlin“ schaut man auf den Sitz der Länderkammer in der Leipziger Straße.

Das Einkaufszentrum am Leipziger Platz wird eines der größten der Stadt, kann aber nicht wie geplant am 30. Mai aufmachen. Probleme gibt es beim Brandschutz …

Tagesspiegel 1
Tagesspiegel 2
Eberl-Pacan
Architekten + Ingenieure für Brandschutz
Fasanenstraße 44
10719 Berlin-Wilmersdorf
Tel. +49 30 700 800 930