Das Prinzip Brandschutz +

Eine heftige Brandschutz Diskussion – Teil 7

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Teil 7 „Fünfundzwanzig Zentimeter“

Boris ist verzweifelt.

Nein, nicht weil ich ihm beim letzten Treffen im Weinhaus Huth offen meine Meinung zu seinem bescheidenen Umgang mit Brandschutz gesagt hatte,

  • dass ich nicht mehr bereit sei, sein “das bisschen Brandschutz” für seine Projekt oft nebenher mitzumachen ohne nach einem Honorar zu fragen,
  • dass ich für ihn nicht mehr nach Pergola-Rettungswegen suchen würde, wenn er schlicht die Planung des 2. Rettungswegs verpeilt hat,
  • dass ich ihm nicht mehr eben schnell bei der nachträglichen Beschaffung von Nachweisen, Zulassungen oder nicht wesentlichen Abweichungen aushelfen würde,
  • dass ich ihn nicht mehr kostenlos bei der Abnahme bei zweifelhaften Abschottungen, fragwürdiger Leitungsführung in Rettungwegen oder misslungenem Einbau von Brandschutztüren unterstützen würde,
  • dass ich für seine Bauvorhaben keine Angebote mehr abgeben würde, wenn er seinen Bauherrn immer nur den billigsten Brandschützer empfiehlt, der weit unter jeder Honorartabelle anbietet und
  • dass ich seine Brandschutznachweise nicht mehr prüfen würde, bevor er sie in seinem Namen beim Prüfingenieur einreichte.

Vielleicht hatte ich übertrieben, als ich ihm als Beispiel für seine Brandschutznachweise die Geschichte über das Traumhaus seiner Tochter erzählte: “Stell Dir vor, Boris”, sagte ich lachend, “Deine 14-jährige Tochter hat fleißig ihr Traumhaus gezeichnet. Sie kommt zu Dir und ruft: ‘Papa, Papa, das ist mein neues Haus, wie gefällt es Dir? Kannst du mal draufschauen, du bist doch Architekt!’ Was machst Du da?”

So groß wie das Schmusetier Julius Plüsch Pinguin: Fünfundzwanzig Zentimeter (25 cm) fehlen der Feuerwehr in vielen Berliner Straßen zur Rettung von Menschen und Tieren.

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“Willst Du sie frustrieren und ihr sagen, dass die Treppen in jedem Traumgeschoss am besten an der gleichen Stelle liegen sollten oder dass sie die Schächte im Traumbadezimmer vergessen hat? Oder lobst Du sie: ‘Das hast Du schön gemacht, mein Schatz!’, damit sie ihre Begeisterung nicht verliert?”

Boris schnaubte nur verächtlich. “Siehst Du”, fuhr ich unverdrossen fort, “genauso geht es mir mit Deinen sogenannten Brandschutznachweisen. Sie sind ja nicht wirklich falsch, aber um den Brandschutz kompetent und wirtschaftlich zu planen und nachzuweisen, dazu braucht es einen Fachmann.”

Vielleicht hatte ich ihn verärgert, als ich John Ruskin zitierte und ihm klar machen wollte, dass es weder seine Projekte noch ihn und sein Büro wirklich weiterbringt, wenn er seinem Bauherrn immer das billigste Angebot für einen Brandschutznachweis zur Beauftragung empfiehlt. “Qualität hat ihren Preis!” schloss ich meine Ausführungen. Boris wirkte nicht überzeugt.

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Seither herrscht Funkstille. Ich kann in Ruhe meiner Arbeit nachgehen und mich intensiver um andere Kunden und Architekten kümmern. Wenn wir uns zufällig geschäftlich oder privat treffen, machen wir einen großen Bogen um das Thema, auch wenn es uns auf den Nägeln brennt und sich Andeutungen und Mutmaßungen nicht vermeiden lassen.

Doch jetzt weiß ich, warum Boris so verzweifelt ist. Ein gemeinsamer Freund und Kollege steckte mir, dass Boris Antrag auf „Änderung der bestehenden Parkordnung“ vom Bezirksamt rundweg abgelehnt worden war. Natürlich verbirgt sich hinter dieser Ablehnung eine lange Geschichte und mir war sofort klar, was sie bedeutete.

Parkende Autos auf der Straße vor dem Neubau, den Boris mit viel Herzblut geplant hatte, stört die Feuerwehr bei der erforderlichen Rettung von Personen über die Drehleiter. Statt der erforderlichen Breite von 5,50 m stehen zwischen den Autos nur 5,25 m zur Verfügung.

Es fehlen − sage und schreibe − fünfundzwanzig Zentimeter. Aber knapp vorbei ist auch daneben. Keine Drehleiter, kein Rettungsweg − kein Rettungsweg, keine Baugenehmigung – keine Baugenehmigung ….

Supergau

Kurz vor dem Ziel ist das Projekt mit 18 schönen innerstädtischen Wohnungen gestorben.

Guter Rat darf wieder teuer sein.

Tatsächlich flattert schon am nächsten Tag eine E-Mail in mein Postfach:

“Nun ist der Supergau eingetreten”, schreibt Boris empört, “ich bitte um Terminvorschlag für eine Krisensitzung! Oder Du setzt Dich schleunigst mit der Berliner Feuerwehr in Verbindung, um zu klären, ob die auf die fehlenden 25 cm verzichten!”

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Parkplätze statt Menschenrettung?

Natürlich lasse ich gleich alles andere stehen und liegen. Der Fall ist auch für mich höchst spannend.

Brandschutzvorschriften behindern den Bau dringend benötigter Wohnungen? Und das nicht zu knapp: Grob geschätzt dürfte diese Situation etwa 80 % der innerstädtischen Wohnstraßen betreffen, an denen wegen des fehlenden 2. Rettungswegs mit konventionellen Lösungen bzw. zu vertretbaren Kosten keine Baulücken mehr geschlossen und keine Dachgeschosse mehr ausgebaut werden können.

Gleichzeitig erproben die Bezirksämter Quer- statt Längsparken und wollen dadurch nicht nur Stellplätze gewinnen, sondern auch die Einnahmen durch Gebühren oder Bußgeld dort steigern, wo es Parkscheinautomaten gibt. In Pankow betrifft das z.B. die Straßen im Umfeld der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Bereits 2014 stellte Prenzlauer Berg in der Bötzowstraße von Längs- auf Querparken um. In Mitte werden solche Maßnahme nach Auskunft von Stadtrat Carsten Spallek (CDU) auch geprüft. Es gehe um die Usedomer Straße in Gesundbrunnen, den Straßenzug Schwartzkopffstraße, Pflugstraße, Wöhlertstraße in Mitte und um die Lübecker Straße in Moabit. Durch die Umstellung könne mehr Parkraum geschaffen werde.

Dadurch wird die verbleibende Fahrgasse schmaler und unterschreitet schnell das für die Rettung von Menschen und Tieren über Feuerwehrleitern erforderliche Maß von 5,50 m. Zusätzlicher Parkraum und zusätzliche Parkgebühreneinnahmen auf Kosten von Menschenleben?

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Kasten 1:

“Drehleitern der Berliner Feuerwehr benötigen im öffentlichen Straßenland eine Aufstellfläche von 11,0 m Länge und 5,5 m Breite. Werden diese Maße nicht eingehalten, weist der VB der Berliner Feuerwehr in seiner Stellungnahme darauf hin, dass der zweite Rettungsweg nicht mehr über Drehleitern geführt werden kann.”

Kasten 2:

“Die Prüfingenieurin oder der Prüfingenieur für Brandschutz hat aufgrund einer solchen Stellungnahme des VB von der Bauherrin oder dem Bauherrn eine Änderung des Brandschutznachweises abzufordern.“

Kasten 1 und 2: Auszüg aus dem Brief der Obersten Bauaufsicht an die Vereinigung der Prüfingenieure für Standsicherheit und Brandschutz in Berlin e.V. vom 23. Februar 2015.

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Marc Schulte (SPD), Stadtrat für Ordnung in Charlottenburg-Wilmersdorf hat 2014 die Straßenbreite der Danckelmannstraße verringert. Die Mindestbreite der Fahrbahn sei angeblich geprüft worden. Ihm sei kein Fall bekannt, “wo Polizei und Feuerwehr gesagt haben, ihre Fahrzeuge hätten zu wenig Platz.”

(Quelle: Berliner Morgenpost 18. Januar 2015)

Hat da jemand die Feuerwehr wirklich gefragt oder hat diese ihre Stellungnahme dazu vergessen? Durch genau diese Reduzierung der Fahrbahnbreite kam es nämlich zu den fehlenden 25 cm, die jetzt das Boris’ Bauvorhaben zum Scheitern bringen.

Übliche Verdächtige

Ich schnappe mir mein Telefon und rufe die üblichen Verdächtigen an.

Bei der Feuerwehr beiße ich auf Granit. Freundlich aber bestimmt weisen die Mitarbeiter des Vorbeugenden Brandschutzes (VB) auf die Rechtslage hin (s. Kasten 1).

Alle Prüfingenieure, die ich anrufe, winken ebenfalls ab (s. Kasten 2).

Nun war guter Rat wirklich teuer.

Hatte sich nicht der Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Andreas Geisel, mit einem Brief an die “Bezirkbürgermeisterinnen und Bezirksbürgermeister” vom 27. Juli 2015 in die Angelegenheit eingemischt? Am besten, ich schreibe ihn direkt an …

Fortsetzung folgt
zu Teil 1

Fußnoten:

John Ruskin:

„Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Machenschaften.

Es ist unklug zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann.

Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten. Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas hinzurechnen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas Besseres zu bezahlen.“

John Ruskin
Englischer Sozialreformer (1819 – 1900)

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Eberl-Pacan
Architekten + Ingenieure für Brandschutz
Fasanenstraße 44
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Tel. +49 30 700 800 930