Bringen geschlossene Grenzen Sicherheit, Herr Eberl-Pacan?

… oder warum das alte chinesische Reich seine Bedeutung verlor.

Wir sind alle Ausländer, fast überall!

Wir haben über lange Zeit die offenen Grenzen in Europa genossen. Einfach dort hinfahren, wo es uns gefällt, wo wir Verwandte oder Freunde besuchen oder an Veranstaltungen teilnehmen wollen, wo wir neue Freundschaften knüpfen, interessante Geschäfte anbahnen oder unser Wissen erweitern wollen; ohne dass grimmige Gesichter an geschlossenen Grenzen gründlich unsere Pässe kontrollieren und pingelig akkurat unsere Koffer oder Kofferräume durchsuchen.

Die Zeiten scheinen vorerst vorbei zu sein. Dabei sind offene Grenzen so wichtig.

Die Große Mauer

Als ich ein kleiner Junge war, erzählte mir mein Vater eine Geschichte aus China: „Einmal war das Riesenreich aller Welt ganz weit voraus, es hatte die besten Mediziner, die bedeutendsten Wissenschaften, die größten Drachen, die schönste Schrift und Sprache. Ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. haben chinesische Herrscher und Kaiser die Große Mauer bauen lassen, die das chinesische Reich vor nomadischen Reitervölkern aus dem Norden schützen sollte. Die Folgen im Inneren waren katastrophal. Die Chinesen verloren den Austausch, den kreativen Wettbewerb mit dem Rest der Welt und damit in allen Bereichen ihre Spitzenstellung. Über lange Zeit sind sie weit zurückgefallen.“

So erzählte es mein Vater.

Was lernte ich daraus? Wenn ich zurückblicke auf die Geschichte Europas, fallen mir Parallelen auf.

Geschlossene und offene Grenzen

Die geschlossenen Grenzen der Nationalstaaten führten zur Abgrenzung, zur Abschottung, zu Auseinandersetzungen und am Ende zu verheerenden Kriegen. Erst aus den schrecklichen Erfahrungen zweier Weltkriege reifte die Erkenntnis, dass nur offene Grenzen für kreativen Austausch, gemeinsame Entwicklung, tiefgreifende Völkerverständigung, näheres Kennenlernen, ausgleichende Kommunikation, mehr Bewegung, Vergnügen, Leichtigkeit und am Ende sogar für mehr Sicherheit sorgen.

In einem Europa der offenen Grenzen sind Kriege schier unmöglich und nur gemeinsame Anstrengungen ohne gegenseitige Schuldzuweisung helfen bei internationalen Herausforderungen wie der Eindämmung des Terrorismus oder der Aufnahme heimatloser Geflüchteter.

Immer wenn Grenzen geöffnet wurden, führte das, nach anfänglichen Bedenken und Widerständen, langfristig zu Erfolgen und Fortschritten.

Das war so 1945, als ebenfalls viele heimatlose Geflüchtete von Ost- nach Westeuropa strömten. Das war so 1989, als der Eiserne Vorhang fiel und sich damit die Grenzen innerhalb Deutschlands und Europas wieder öffneten.

Chruschtschow und der Schuh

Das war auch so, nachdem am 12. Oktober 1960 Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (1894 – 1971) in der UN-Vollversammlung seinen Schuh nahm und damit auf den Tisch schlug. Für viele Westberliner war dies das Signal, die Stadt inmitten des DDR-Regimes in Richtung Süden zu verlassen. Dort wurden sie mit offenen Händen aufgenommen, es gab keinen Horst Seehofer, der nach Quoten und Begrenzung rief. In den Taschen hatten sie die Grundbücher ihrer damals fast wertlosen Berliner Immobilien, die von prosperierenden und schlauen Bayern gerne gekauft wurden.

Leidtragende waren diejenigen, die ein Jahr später eingemauert wurden und diejenigen, zu deren angeblichen Schutz die Mauer errichtet wurden.

Die Welt – ein Dorf

Wir werden immer mobiler. Die Generation unserer Urgroßväter und Großväter hat Europa als einmarschierende Soldaten kennengelernt, unsere Väter mit dem VW-Käfer und unsere eigene Generation über Interrail und Autostop.

Heute stehen uns alle Möglichkeiten zur Verfügung, Grenzen zu überschreiten. Gesteuert von Opodo, Airbnb, BlaBlaCar und Google-Maps machen wir die Welt zum Dorf. Nationale Grenzen verlieren ihre Bedeutung und keiner findet es mehr sexy, vor Grenzkontrollen Schlange zu stehen. Das ist gut so.

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“Tear down this Wall”

Warum muss dieser Ruf immer wieder erschallen?

“Mr. Gorbachev, open this gate! Mr. Gorbachev, tear down this wall!” Diese zwei Sätze machten die Rede, die Ronald Reagan am Freitag, 12. Juni 1987, am Brandenburger Tor in Berlin hielt, zur bekanntesten seiner Amtszeit. Und Mr. Gorbachev hat geliefert.

Doch heute bauen all die Urbans und Konsorten neue Mauern in der vermeintlichen Hoffnung, dadurch kurzfristig Erfolge erringen und ihr Ego aufrüsten zu können. Langfristig müssen und werden sie scheitern. So wie die Chinesen mit der Chinesischen Mauer.

PS:

Übrigens kann das Beispiel der offenen oder geschlossenen Grenzen auch auf Regeln, Vorschriften oder Regeln angewendet werden. Nur wenn wir sie offen halten, immer wieder und dauerhaft über sie diskutieren und sie verändern, schaffen wir Fortschritte und Verbesserungen und damit z.B. auch eine höhere Sicherheit.

Reinhard Eberl-Pacan

Eberl-Pacan
Architekten + Ingenieure für Brandschutz
Fasanenstraße 44
10719 Berlin-Wilmersdorf
Tel. +49 30 700 800 930