2017 − Im Zeichen der Stille

Zeichen der Stille

Der Raum des Geistes, dort wo er seine Flügel öffnen kann, das ist die Stille.

Antoine de Saint-Exupéry

Antoine Marie Jean-Baptiste Roger Vicomte de Saint-Exupéry (kurz Antoine de Saint-Exupéry) *29. Juni 1900 in Lyon; †31. Juli 1944 nahe der Île de Riou bei Marseille, französischer Schriftsteller und Pilot.

Quelle: Ein Lächeln ist das Wesentliche, 2. Aufl. Stuttgart: Kreuz, 2007, S. 26, ISBN: 3783128137

Das neue Jahr

Das neue Jahr ist angekommen und hat ein altes Jahr abgelöst. Zum Schluss war dieses geprägt von Trauer und Leid. Viele vermögen es am Anfang des Neuen Jahrs nicht, froh und optimistisch in die Zukunft zu blicken. Der Weg jedoch führt weiter und ich wünsche uns allen dazu zwei wichtige Wegweiser:

Stille und Beharrlichkeit

Ich will Ihnen dazu eine Geschichte erzählen:

kein Text

Das Baustellenpraktikum

Für ein Architekturstudium ist ein Praktikum unerlässlich, zum einen sollte es auf einer realen Baustelle, zum anderen in einem Architekturbüro durchgeführt werden. Wo sonst sollen die Studierenden die nötige Praxiserfahrung sammeln, die sie auf das spätere Berufsleben vorbereiten kann.

So brauchte auch ich Mitte der achtziger Jahre für mein Architekturstudium einen Praktikumsplatz. Natürlich lag mir ein Bürojob erst einmal näher, als die Arbeit auf einer Baustelle. In einer Telefonzelle schnappte ich mir das Telefonbuch mit den „Gelben Seiten“ [1] und suchte unter „Architekten“ nach Telefonnummern von Architekturbüros. Nach dem Zufallsprinzip telefonierte ich Nummer für Nummer ab und versuchte Kontakt, mit Büroinhabern, Chefsekretärinnen, Abteilungsleitern oder zumindest Mitarbeitern aufzunehmen und ihnen mich und mein Anliegen von der besten Seite vorzustellen. Leider hagelte es nur – meist freundliche – Absagen.

Doch ich hatte einen Plan B.

Täglich lief ich mindestens zweimal den Weg vom U-Bahnhof am Richard-Wagner-Platz in Charlottenburg zu meiner Wohnung in der Nähe des Klausener Platzes. Der Weg führte durch die Schustehrusstraße [2], vorbei an einer Hofdurchfahrt, neben der ein kleines Messingschild mit der Aufschrift „Baugeschäft Haider“ prangte. Im Stillen, malte ich mir aus, dass ich im Notfall durch diese Durchfahrt gehen würde und um einen Praktikumsplatz auf einer Baustelle nachfragen würde.

neue Zeile

Der Notfall war eingetreten. Alle meine Bemühungen, einen warmen und trockenen Praktikumsplatz in einem Architekturbüro zu ergattern, blieben vergebens.

Also nahm ich all meinen Mut und spazierte eines Tages durch die Toreinfahrt in der Schustehrusstraße. Das Baugeschäft Haider versteckte sich auf dem Hof in einer geduckten Remise [3], an deren Tür ich tapfer klopfte. Nachdem mir geöffnet wurde, trug ich mein Anliegen der Vorzimmerdame vor und wurde anschließend von Herrn Haider in sein Büro gebeten. Der dynamische Firmeninhaber im mittleren Alter war sichtlich aufgeräumt. Er freue sich, gab er mir zu verstehen, dass ein Architekturstudent bei ihm einen Praktikumsplatz suche. Die durch die Firma gebauten oder betreuten Projekte böten für Studenten eine gute Gelegenheit, Baupraxis zu gewinnen. „Sie werden mit mir im ‚Firmenwagen herumfahren und ich werde Ihnen die Baustellen zeigen und alles genau erklären“, schloss er seine Ausführungen zu meiner Praktikumsanstellung.

Hocherfreut fand ich wieder zurück auf der Schustehrusstraße und tanzte auf dem Weg zu meiner Wohnung. Wann sollte es losgehen? In acht Tagen, am 1. September. Bombig!

Am 1. September früh um 6:00 Uhr trat ich – begeistert wenn auch noch völlig verschlafen – mein Praktikum an.

Wie versprochen packte mich Herr Haider in sein Auto und fuhr mit mir auf die Baustelle. Diese stellte sich als das Gebäude der damaligen „Senatsverwaltung für Schulwesen, Jugend und Sport“ in der Bredtschneiderstraße 5 [4] in Berlin-Westend heraus. Das Gebäude wurde 1944 als Sitz des Oberkommandos der Luftwaffe [5] errichtet. Es glich – wie sich für mich bald herausstellte – einem oberirdischen Bunker. Allein die tragende Mittelwand zwischen den Fluren und Büroräumen war 1 m dick gemauert. Wenn man einen Raum vom Flur betreten wollte, mussten 2 Türen geöffnet werden. Eine, die in die Mauer hinein und eine, die aus der Mauer herausführte.

Meine Aufgabe bestand drin, zusammen mit einem Kollegen und mit Hilfe eines Kango-Hammers [6] in die einige Dezimeter dicken Stahlbetondecken der späten Weltkriegsjahre, für neue Abwasserleitungen Öffnungen zu stemmen. Pro halbe Stunde schaffte ich ein Loch, acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, vier Wochen, das musste reichen für 320 Löcher. Aus massiven Stahlbetondecken machte ich Schweizer Käse.

neue Zeile

10 kg class breaking hammer Foto: milwaukeetool.eu
10 kg class breaking hammer Foto: milwaukeetool.eu

Es war keine Rede mehr von „mit … im ‚Firmenwagen herumfahren“, „Baustellen zeigen“ oder „alles genau erklären“.

Nach den ersten vier Stunden war ich fix und fertig. Meine Knie zitterten im Rhythmus des Hammers. Mein Kopf dröhnte unter dem schweren klobigen Gehörschutz. Meine Arme hingen an mir wie feuchte Putzlappen, die dem Werkzeug kaum Widerstand leisten konnten. Der Meißel marschierte mit eiserner Gewalt zwischen die faustdicken Bewehrungseisen, blieb stecken, die Wucht der blockierten Maschine holte mich fast von den Beinen und mit hängenden Schultern musste ich meinen Kollegen holen, damit er mit seinem Meißel meinen Meißel wieder befreien konnte.

Um 9 Uhr gab‘s Frühstück. Meist kaute ich apathisch an meiner Stulle [7], wenn ich nicht vergessen hatte, mir morgens noch eine zu schmieren. Zwischen den Zähnen knirschte der Staub und in meinen Ohren trommelte dumpf das Echo der Motoren. Um 11 Uhr war Mittagspause. Draußen schien den ganzen Tag die milde Septembersonne und soweit meine Beine mich noch tragen konnten, schlurfte ich hinaus in den nahen Park am Lietzensee um mich auf die Wiese zu legen und einfach die Stille zu genießen.

Die Stille! Wie ein Teppich lag sie für mich über der Stadt in den ich mich tief eingraben konnte, ein Raum für Gedanken, Phantasien, Hoffnungen, Träume.

neue Zeile

Nachdem ich aufstand und mich wieder in meine staubigen Arbeitsklamotten und zurück an meinen Kango-Hammer quälte, war der Raum noch in mir, unbeschadet vom Schmutz und Lärm meiner Umgebung. Beharrlich hielt ich mein Werkzeug, biss meine Zähne zusammen und hämmerte.

Die vier Wochen gingen vorüber. Zum Abschied habe ich Herrn Haider die Hand geschüttelt und mich bei ihm bedankt. Er nahm es mit gnädiger Gelassenheit. Er wusste vielleicht gar nicht mehr, was er mir damals bei dem Vorstellungsgespräch versprochen hatte und was mich so für die Arbeit in seinem Baugeschäft begeistert hatte. Und er konnte nicht wissen, dass ich trotzdem dankbar war für die wertvolle Erfahrung, die ich durch mein Baustellenpraktikum gewonnen hatte.

neue Zeile

Deshalb werden wir 2017 mit Stille und Beharrlichkeit unsere Arbeit fortsetzen. Bei Projekten, an denen viele Beteiligte mitwirken, ist Kommunikation die zentrale Herausforderung. Wir werden 2017 unsere Kommunikationswerkzeuge schärfen und polieren und Ihnen damit einen weiteren Mehrwert bieten.

Wir freuen uns auf ein weiteres gemeinsames Jahr mit spannenden Projekten und erfolgreicher Zusammenarbeit und wünschen Ihnen ein gesundes, glückliches und erfolgreiches Jahr 2017.

freundlich kompetent

[1] Es gibt sie noch, die dicken Wälzer

[2] Kurt Louis Wilhelm Schustehrus (* 25. März 1856 in Rittergut Bärholz bei Thierenberg im Samland; † 27. Februar 1913 in Berlin) war ein deutscher Kommunalpolitiker, Mitglied des Preußischen Herrenhauses und von 1900 bis 1911 Oberbürgermeister von Charlottenburg. Nach ihm ist der Schustehruspark in Berlin benannt. Die angrenzende Schustehrusstraße trägt seit 1950 seinen Namen. (Quelle: Wikipedia)

[3] Die Remise ist ein Wirtschaftsgebäude, das in der Regel an der rückwärtigen Grundstücksgrenze für Fahrzeuge oder Geräte errichtet wurde.1 Das Wort kommt aus dem Französischen und ist vom Verb remettre (wieder hinstellen, versorgen) abgeleitet. Die lateinische Wurzel ist das Verb remittere (zurückschicken, ablegen). (Quelle: Wikipedia)

[4] Bredtschneiderstraße 5, 14057 Berlin: Das Gebäude diente damals der Senatsverwaltung für Schulwesen, Jugend und Sport sowie dem Senator für Wissenschaft. Schulsenatorin war zu der Zeit Hanna-Renate Laurien (* 15. April 1928 in Danzig; † 12. März 2010 in Berlin), Politikerin der CDU. Die Oberstudiendirektorin war von 1976 bis 1981 Kultusministerin in Rheinland-Pfalz, von 1981 bis 1989 Schulsenatorin von Berlin und von 1991 bis 1995 Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin.

neue Zeile

[5] Das Oberkommando der Luftwaffe (OKL) war die Oberste Kommandobehörde der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg. Es wurde in Analogie zum Oberkommando des Heeres im Februar 1935 eingeführt und endete mit der deutschen Kapitulation 1945. Zuvor unterstand die am 26. Februar 1935 von Adolf Hitler als eigene Teilstreitkraft errichtete Luftwaffe direkt dem 1933 gegründeten Reichsluftfahrtministerium.

[6] Milwaukee Kango offer a very comprehensive range of industrial demolition hammers from chipping hammers to heavy-duty breakers with a good selection of features and power ratings.

Ein Drucklufthammer (umgangssprachlich Presslufthammer, im Ruhrbergbau auch „Boxer“ genannt) ist eine mobile Maschine, in der ein Kolben durch Luft angetrieben einen Impuls auf ein Werkzeug, den Meißel, überträgt. Die Druckluft wird durch einen motorgetriebenen Kompressor erzeugt und dem Hammer über einen Verbindungsschlauch zugeführt. Neben pneumatischen Hämmern gibt es auch elektrische und benzingetriebene Abbruchhämmer.

Auswirkungen auf die Gesundheit

Durch Drucklufthämmer in den Körper eingeleitete Schwingungen können zu einer Berufskrankheit (vibrationsbedingtes vasospastisches Syndrom) führen. Außerdem macht die Luft, die dem Hammer rhythmisch entweicht, dieses Werkzeug zu einem der lautesten im Hoch- und Tiefbau. Einige Hersteller bieten sowohl eine Vibrations- als auch eine Geräuschdämpfung an. Trotzdem sollte man unbedingt Gehörschutz sowie eine Schutzbrille verwenden. Vor allem beim Stemmen von Beton können Splitter das Auge treffen. (Quelle: Wikipedia)

[7] Eine Stulle (nordostdeutsch/berlinerisch = Butterbrot) ist eine mit Butter bestrichene Scheibe Brot. In Teilen Norddeutschlands bezeichnet das Wort eine belegte Scheibe Brot, wobei Butter nicht zum Belag gehören muss. (Quelle: Wikipedia)

Eberl-Pacan
Architekten + Ingenieure für Brandschutz
Fasanenstraße 44
10719 Berlin-Wilmersdorf
Tel. +49 30 700 800 930