Warum ist Brandschutz so wichtig (geworden), Herr Eberl-Pacan?

… oder wie finden wir zurück zu einem Brandschutz mit Augenmaß?

Wie war das eigentlich, als ich damals Architektur an der Technischen Universität Berlin studierte? Brandschutz auf dem Lehrplan? Fehlanzeige!

Wie war das, als ich mir als junger Architekt meine ersten Sporen verdiente? Brandschutzkompetenz im Architekturbüro? Nicht wirklich viel. Brandschutz schlug meistens ein wie eine Bombe. Die Pläne waren fertig, die Bauarbeiter schon auf der Baustelle und dann kamen plötzlich die Anforderungen seitens der Bauaufsicht.

„Ich weiß, dass Ihnen das jetzt wehtut, ich war schließlich auch mal Architekt“, war der wohlwollende Kommentar eines Sachbearbeiters des Bauaufsichtsamts Zehlendorf nachdem er meine Pläne mit grün eingetragenen Brandschutzanforderungen zugepflastert hatte.

Wie haben wir damals eigentlich gebaut? Hat uns Brandschutz wirklich interessiert, beschäftigt, gestört oder gar behindert? Meine ersten Erfahrungen als Bauleiter machte ich in einer Bürogemeinschaft zusammen mit zwei etwa 15 Jahre älteren Kollegen.

Was habe ich getan? Alle Bauleiterschritte in Kinderschuhen habe ich mir von meinen älteren Kollegen abgeschaut. Brandschutz lief einfach nebenher. Gefühlt habe ich alle Regeln pedantisch eingehalten. Zwar wusste ich nicht immer wo, aber meistens war ich mir sehr sicher, dass das, was ich anordnete, prüfte oder abnahm, in einer der vielen Regeln stand, die ich notfalls in der umfangreichen Büchersammlung unseres Büros hätte nachschlagen können.
(PS: Heute unvorstellbar, aber es gab damals noch kein Internet)

Für Alltagsfälle gab es Firma Brandschutz. Völlig unauffällig, geräusch- und schmerzlos sorgten diese Brandschutzheinzelmännchen für die Brandsicherheit notwendiger Verkleidungen, Unterdecken oder Abschottungen. Bei Zweifelsfällen konnte ich mich im Glücksfall auf wohlwollende Sachverständige oder gutmütige Bauaufsichtsbeamte verlassen, hatte ich tatsächlich mal eine Pechsträhne, mussten zumindest gravierende Mängel vor oder nach der Abnahme klammheimlich beseitigt und die Kosten schöngerechnet werden.

Brandschutz aus dem Märchen

Das alles klingt wie aus einem Märchen. Architekten fühlen sich mindestens gestresst von Brandschutz und klagen über die vielen Gesetze und Regeln, die sie beachten müssen, Bauherren – unter ihnen Bürgermeister und Lokalpolitiker – sprechen von einer Kostenexplosion bei Brandschutzmaßnahmen, Baufirmen brechen unter der Last des plötzlich auf dem Bau geforderten Know-hows und der Verantwortung, die sie übernehmen müssen, schier zusammen.

Woran liegt das? Vergleichen wir die Bauordnungen der letzten 150 Jahre, so stellen wir fest, dass sich die materiellen Anforderungen kaum verändert haben. Bereits die Bau-Polizei-Ordnung für Berlin und dessen Bau-Polizei-Bezirk des Königlichen Polizei-Präsidiums Berlin vom 21. April 1853 forderte „in ausgedehnten Gebäuden … von 100 zu 100 Fuß bis über das Dach hinausgehende Brandmauern“ und eine unverbrennliche Treppe für jede Wohnung mit einer maximalen „Länge des Weges, von der Haupttreppe aus“ zum „bewohnten Raume“ von „100 Fuß“.
(1 Fuß = 10 Zoll ≈ 37,66 cm).

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Selbst die Vielzahl der Vereinfachungen, die insbesondere seit den 1970er Jahren das Baurecht über sich ergehen lassen musste, brachten glücklicherweise keine wesentlichen inhaltlichen Änderungen, wenngleich in vielen Fällen die Flut der Vorschriften dramatisch expandierte und das Dickicht der Verfahren undurchdringlich perfektioniert wurde.

Sind moderne Gebäude komplexer und brandgefährlicher geworden? Sicher hätten sich nach den Bauvorschriften von 1853 weder ein Flughafen noch ein Einkaufszentrum errichten lassen. Aber für Sonderbauten wie „Schießpulverfabriken, Anlagen zu Feuerwerkerei und zur Bereitung von Zündstoffen aller Art, … Glas- und Rußhütten, Zuckersiedereien, … Schmelzhütten, Hochöfen, Metallgießereien, … Firnißsiedereien, Cichorien-, Stärke-, Wachstuch- und Darmsaiten-Fabriken, Leim-, Thran-, Seifen- und Flußsiedereien, Knochenbrennereien …; ferner: Dampfmaschinen, Dampfkessel und Dampfentwickler, … so wie Branntweinbrennereien und Bierbrauereien“ war durchaus Vorsorge getroffen.

Der Schlüssel ist das Vier-Augen-Prinzip.

Der (Trümmer-)Haufen von Vorschriften, dem sich viele Baubeteiligte aktuell hilflos gegenüber sehen, ist also zum einen selbstgemacht zum anderen trägt er bei weitem nicht zu einer erhöhten Sicherheit unserer Gebäude bei.

Der Schlüssel für einen Brandschutz mit Augenmaß liegt bei der Umsetzung dieser Vorschriften. Katastrophen, Anschläge, Unglücke oder Unfälle lösen insbesondere bei Politikern i.d.R. sofort die unvermeidliche pawlow‘sche Reaktion aus. Es wird vehement nach neuen schärferen Gesetzen und Vorschriften gerufen. Dieser Eifer verschwindet schnell, wenn sich herausstellt, dass es entsprechende Vorschriften längst gibt, sich jedoch niemand um deren Umsetzung kümmert.

Hier sollte die novellierte Musterbauordnung (MBO) von 2002 ansetzen. Gemäß § 66 MBO sollten (Brandschutz-)Nachweise, welche „die Einhaltung der Anforderungen an … den Brand- … schutz“ nachweisen, anlog zu der bereits vorher bekannten Praxis für den Nachweis der Standsicherheit von Gebäuden, zumindest für höhere Gebäude von „einem für das Bauvorhaben Bauvorlageberechtigten, der die erforderlichen Kenntnisse des Brandschutzes nachgewiesen hat“ erstellt und „bauaufsichtlich geprüft“ bzw. „durch einen Prüfingenieur/Prüfsachverständigen für Brandschutz bescheinigt“ werden. Dieses Verfahren wird vielfach auch als Vier-Augen-Prinzip bezeichnet, da dabei gewährleistet ist, dass zwei unabhängige und sachverständige Ingenieure den Nachweis aus verschiedener Sicht (Aufstellung und Prüfung) beurteilen.

Basierend auf den Erfahrungen beim Brand des Flughafens Düsseldorf am 11. April 1996 – der sich dieser Tage zum 20. Mal jährt – wollte die Bauministerkonferenz (Arbeitsgemeinschaft der für Städtebau, Bau- und Wohnungswesen zuständigen Minister und Senatoren der 16 Länder der Bundesrepublik Deutschland) die – mit Verlaub – oft fachlich überforderten, weil unzureichend ausgebildeten Sachbearbeiter von Bauaufsichtsämtern entlastet und die Verantwortung für den Brandschutz auf Architekten und Ingenieure mit entsprechender Weiterbildung und ggf. staatlicher Prüfung übertragen.

Vierzehn Jahre später stellen wir fest, dass sich nicht nur die „16 Länder der Bundesrepublik Deutschland” bei der Umsetzung dieser MBO in ihre Landesbauordnungen (LBO) in ein heilloses Wirrwarr verstrickt haben (siehe Tabelle), sondern auch vielen Bauherren, Architekten und selbst Bauaufsichtsämtern das Verfahren alles andere als geläufig ist – kein Wunder, gilt doch fast in jedem Bundesland eine eigene abweichende Regelung.

Klare Konzepte für die Umsetzung des Brandschutzes

Alles Klagen und Lamentieren jener, die in Sachen Brandschutz immer noch an die gütige Hand der Bauaufsicht glauben, die denken, Brandschutznachweise im Nebenberuf erledigen zu können oder die hoffen, die Aufregung über den Brandschutz würde sich irgendwann von selbst erledigen, ist daher vergebens.

Wer dagegen bereit ist, von Beginn des Projekts an ein klares Konzept für die Umsetzung der brandschutztechnischen Anforderungen zu entwickeln und dafür ausreichend qualifizierte Planer und Fachleute einzuschalten, dürfte – von gelegentlichen Diskussionen und Kontroversen, die selbst in den besten Familien vorkommen abgesehen – weder mit überbordenden Gesetzen und Regelungen, Kostenexplosion beim Brandschutz, fehlendem Know-hows oder hochriskanten Verantwortlichkeiten ein Problem haben. Wenn doch, sollte er sich schnell auf die Suche nach noch besseren Brandschutz-Experten machen.

Eberl-Pacan
Architekten + Ingenieure für Brandschutz
Fasanenstraße 44
10719 Berlin-Wilmersdorf
Tel. +49 30 700 800 930