Bauwelt beim Brandschutzpapst

“Brandschutzprüfungen entpuppen sich manchmal als Kaffeesatzleserei”

Seit dem verheerenden Brand des 24-geschossigen Wohnhochhauses Grenfell Tower in London hat die Sensibilisierung für Brandschutz auch hierzulande zugenommen. Ein Gespräch mit dem Architekten und Brandschutz­ex­perten Reinhard Eberl-Pacan

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

Bauwelt

Der Brand des Grenfell Towers in London liegt nun schon einige Wochen zurück: Können Sie die Ereignisse zusammenfassen?

Reinhard Eberl-Pacan Die Ursachen sind inzwischen relativ klar. Bei der energetischen Sanierung des Wohnhochhauses 2016 wurden für die Fassade Alu-Carbon-Platten verwendet. Diese Sandwich-Paneele sind aus Aluminium, die mit einem Dämmstoff gefüllt sind. Diese Dämmstofffüllung gibt es mit nicht brennbaren Stoffen und mit brennbaren. Im Grenfell Tower wurden vermutlich letztere verwendet. Die Kombination aus Aluminium, ein Stoff der Wärme sehr gut leitet, und einem Dämmstoff der aus Erdöl gewonnen wird, kann zu solch einem extremen Brandereignis führen.

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In Deutschland ist es verboten, brennbare Baustoffe im Hochhausbau zu verwenden. Gibt es noch andere Gründe, weshalb ein vergleichbarer Fassadenbrand in Deutschland nicht möglich ist?

Der Sicherheitsstandard und die Vorschriften für Hochhäuser sind in Deutschland sehr hoch. Seit den 1980er Jahren gibt es die Richtlinie für Hochhäuser. Dort wird bestimmt, dass nur nicht brennbare Dämmstoffe oder Außenwandbaustoffe verwendet werden dürfen. Nicht in allen Bundesländern ist das klar umgesetzt, aber man kann davon ausgehen, dass sich alle daran halten.

Zusätzlich gibt es in den Vorschriften weitere Sicherheitselemente, etwa den Feuerwehraufzug. Weitere Brandschutzeinrichtungen wie Sprinkleranlagen sind für Hochhäuser mit großflächigen Nutzungseinheiten, z.B. Bürohochhäuser, vorgeschrieben. Sie können Entstehungsbrände eindämmen, jedoch nicht einen sich so schnell ausbreitenden Fassadenbrand wie beim Grenfell Tower.

Würden Sie es als wichtig erachten, dass Wohnhochhäuser innerhalb eines bestimmten Zeitraums eine Brandschutz-Sicherheitsprüfung machen müssen?

Solche Prüfungen sind bei Sonderbauten wie Hochhäusern bereits vorgeschrieben, und sie sind wichtig und richtig. Die Frage ist, wieweit solche Kontrollen tatsächlich durchgeführt werden und wer sie durchführen kann. Bauaufsichten sind damit nach meinen Erfahrungen oft sowohl zeitlich als auch fachlich überfordert. Wenn ich als Brandschützer bei solchen Begehungen hinzugezogen werde, entpuppen sich diese in manchen Fällen als Kaffeesatz-Leserei. Ohne die Einsicht in die Baugenehmigungen, ohne präzise Brandschutznachweise kann man dem Gebäude nicht ansehen, welche Maßnahmen notwendig, erneuerungsbedürftig oder überflüssig sind.

Inwiefern wird die Feuerwehr in den Bauprozess integriert?

Nehmen wir Berlin als Beispiel: da haben wir eine vorbildliche Liste von zehn feuerwehrrelevanten Punkten, zu denen die Feuerwehr im Rahmen der Prüfung des Brandschutznachweises Stellung nehmen kann. Bauteile und Baustoffe sind dabei für die Feuerwehr i.d.R. unerheblich. Bei der Gestaltung von Fluchtwegen – für die Feuerwehr gleichzeitig Angriffswege –, bei den notwendigen Feuerwehrflächen oder bei der Brandmeldetechnik wird sie jedoch hinzugezogen. In anderen Bundesländern ist das nicht genau geregelt.

Sollte der Brandschutz also nicht Ländersache sein, sondern vom Bund geregelt werden?

Ja. Es gibt in Österreich ein gutes Modell, in dem die Brandschutzanforderungen aus der Bauordnung herausgelöst worden sind und in einer technischen Anlage zum Brandschutz zusammengefasst wurden. Diese Anlage wurde dann von den einzelnen Bundesländern beschlossen. Eine solche Regelung würde auch in Deutschland das Bauen vereinfachen und Kosten sparen.

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Eberl-Pacan
Architekten + Ingenieure für Brandschutz
Fasanenstraße 44
10719 Berlin-Wilmersdorf
Tel. +49 30 700 800 930