IM GESPRÄCH

«Wir könnten von der Schweiz lernen»

Susanna Vanek im Gespräch mit Reinhard Eberl-Pacan veröffentlicht in CH-Holzbau Ausgabe 8/2014

Der Architekt Reinhard Eberl-Pacan ist Brandschutzexperte – und engagiert sich für den Holzbau. Im Gespräch erläutert er, dass Berlin die Möglichkeiten zur Verdichtung mit Holz noch zu wenig nutzt und dass er einen Gedankenaustausch mit Schweizer Holzbaufachleuten begrüssen würde.

Neben seiner Tätigkeit als Architekt leitet Eberl-Pacan die Brandschutz Akademie Berlin BAB und ist Co-Veranstalter des Anlasses Holz – Baustoff der Zukunft.

Interview: Susanna Vanek
Chefredaktorin Holzmann Medien Schweiz GmbH
CH-Holzbau Ausgabe 8/2014

Der Architekt Reinhard Eberl-Pacan engagiert sich als Brandschutzexperte für den Holzbau. Hier steht er in der Nähe seines Berliner Büros neben einem alten Brandmelder.

CH.HOLZBAU: In Deutschland ist die Verbreitung des Holzbaus sehr unterschiedlich. In allen Bundesländern ausser Baden-Württemberg sind Holzbauten ohne Sondergenehmigung aber nur bis zum vierten Stockwerk möglich. Dabei ist bekannt, dass tragende Bauteile in Holzbauweise heutzutage durchaus auch für deutlich höhere Gebäude zugelassen werden können. Woher kommt dieses Misstrauen gegen den Baustoff Holz?

Reinhard Eberl-Pacan: Das Misstrauen beziehungsweise die restriktiven Baubestimmungen, die Holzbauten über vier Geschosse verhindern, resultieren aus den bitteren Erfahrungen, die Menschen während der Bombardierungen im 2. Weltkrieg machen mussten. Die Baugesetze, welche die Machthaber noch kurz vor dem Ende des Krieges erlassen hatten, wurden in der Nachkriegszeit zum grossen Teil unreflektiert übernommen und führten dazu, dass für den Bau von höheren Gebäuden nur noch nichtbrennbare Baustoffe verwendet werden dürfen. Neuere Bauordnungen ab 2004 brachten zwar gewisse Erleichterungen, aber im Grunde besteht die Rechtslage bis heute.

Sie selber sind zwar Brandschutzexperte, teilen dieses Misstrauen indes nicht. Weswegen?

Eberl-Pacan: Wir sehen – bei üblichen Brandgefahren in Friedenszeiten – keinen grossen Sicherheitsgewinn darin, brennbare Baustoffe für die Konstruktion von höheren Gebäuden zu verbieten. Im Verhältnis zur Brandlast, also der Menge an brenn- baren Gegenständen, der Einrichtung und Ausstattung, zum Beispiel an der Anzahl von Möbeln, ist die Brandlast in der Gebäudekonstruktion untergeordnet.

Selbstverständlich ist uns bewusst, dass die Sicherheit für die Benutzer und Bewohner durch den Einsatz brennbarer Baustoffe nicht vermindert werden darf. Deshalb sind bei solchen Gebäuden gegebenfalls weitergehende Massnahmen zur Alarmierung, zum Beispiel durch die Installation von Brand- meldeanlagen, oder zur Brandbekämpfung, etwa durch den Einbau von Sprinkler- anlagen, erforderlich. Diese Massnahmen müssen jedoch mit Augenmass überlegt und in einem für das Gebäude individuellen Brandschutzkonzept festgelegt werden.

Wie kommt es, dass Sie sich für Holzbauten engagieren?

Eberl-Pacan: Der Baustoff Holz kam bei mir als Architekt im Zuge der Diskussionen über energiesparendes und nachhaltiges Bauen vermehrt in den Fokus. Ich fand es ärgerlich, dass uns Themen wie verantwortungsbewusster und schonender Umgang mit Energie und Ressourcen immer nur als Komfortverzicht «verkauft» wurden: weniger Auto fahren, weniger heizen usw., während ich bei Gebäuden aus Holz, die wir betreuten, erleben durfte, wie sich hier Nachhaltigkeit mit einem gesunden und angenehmen Wohnklima verbindet und so sprichwörtlich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden.

Berlin musste nach der Wiedervereinigung von 1990 zwei geteilte Stadt- teile zusammenführen, seit 20 Jahren ist Berlin Hauptstadt und musste auch darauf städtebaulich reagieren. Das ist gelungen. Aktuell wurde ein «Masterplan Berlin Heidestrasse» formuliert. Dabei soll ein circa 40 Hektar grosses Areal zwischen Nordhafen, Heidestrasse und Humboldthafen nachhaltig entwickelt werden. Der hochwertige Raum soll unter Berücksichtigung ökologischer Gesichtspunkte Flächen zum Wohnen, für Büros, Einzelhandel und Gewerbe zur Verfügung stellen und gleichzeitig ein attraktives Freizeitangebot bereitstellen. Welche Rolle könnte bei diesen Überlegungen Holz spielen?

Eberl-Pacan: Was das Gelingen betrifft, da möchte ich widersprechen. Ich habe eher den Eindruck, dass sich die baupolitisch Verantwortlichen in dieser Stadt selbst nach fast 25 Jahren immer noch nicht der Herausforderung und der Chance bewusst sind, die eine «Neue Stadt Berlin» bereit hält. Dazu muss man gar nicht erst auf das Missmanagement von Grossprojekten oder die klägliche Absage einer Internationalen Bauausstellung (IBA) 2020 hinweisen. Den grossen Ankündigungen in «Masterplänen» und Absichtserklärungen folgen wenig konkrete Taten. Man verlässt sich lieber auf eingefahrene Strukturen und grosse Planungsbüros, statt innovativen Ideen und unverbrauchten, jungen Akteuren eine Chance zu geben.

Der Baustoff Holz muss in die Innenstädte. Nur mit Holz – durchaus im Zusammenspiel mit anderen Baustoffen – kann die Umsetzung von hochwertigen Gebäuden und Räumen für Wohnen, Gewerbe und Handel unter Berücksichtigung ökologischer Gesichtspunkte gelingen. Das war übrigens zu den Boomzeiten Berlins zum Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts auch nicht anders!

Zurück zur Heidestrasse: Kommt da Holz in den Diskussionen vor?

Eberl-Pacan: Das hängt sehr von den beteiligten Investoren und Planungsbüros ab. Wir als Brandschutzplaner haben in verschiedenen Projekten gezeigt, dass Holz in höhergeschossigen Gebäuden ohne Sicherheitsverlust – und ohne unwirtschaftlich zu sein – verwendet werden kann, sowohl als Material für Tragkonstruktion als auch für die Fassaden. Wir sind bereit, dies immer wieder unter Beweis zu stellen.

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Sind Aufstockungen mit Holz in Berlin ein Thema?

Eberl-Pacan: Das Thema Aufstockung und Dachgeschossausbau ist gegenüber den Zeiten, als die Fläche der Stadt, insbesondere in Berlin-West, beschränkt war, in den Hintergrund getreten. Trotzdem gibt es weiterhin solche Projekte. Soweit wir damit betreut werden, liegt unser Schwerpunkt natürlich auf der Verwendung von Holz sowohl was den Neubau als auch den Bestand betrifft, zum Beispiel den Erhalt von historischen Holzbalkendecken.

Für Aufstockungen hat Holz auf Grund seines geringen Gewichts deutliche Vorteile gegenüber etwa Stahlbeton und kann daher bei vernünftiger Planung völlig neue Möglichkeiten zur Erweiterung des Bestandes zum Beispiel durch Aufstockungen, schaffen.

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Allerdings stehen Aufstockungen aus Holz in der Regel die gängigen Brandschutzbestimmungen im Wege. Hier sind ebenfalls die oben genannten individuellen Brandschutzkonzepte erforderlich.

Gibt es Gruppen in Berlin, für die der Holzbau in Berlin ein Thema ist?

Eberl-Pacan: Berlin ist eine Stadt mit einer breiten «alternativen» Tradition, in der sich viele seit langem einem gemeinschaftlichen, sozialen und bewusstem Umgang mit der Umwelt verpflichtet sehen und viel Pionierarbeit geleistet wurde. Diese Menschen wollen sich nicht mit Gebäuden und Wohnungen «von der Stange» durch Grossinvestoren abspeisen lassen, die massenhaft graue Energie verschwenden. Soweit es für sie finanziell erschwinglich ist, wollen sie ihre Ideen in Bau- und Wohngemeinschaften umsetzen. Bauen mit Holz gehört da einfach mit dazu. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das siebengeschossige Gebäude in Holzkonstruktion von Tom Kaden, Kaden und Partner Architekten, in Berlin-Prenzlauer Berg.

In der Schweiz bauen Genossenschaften viel mit Holz. Weiter ist verdichtetes Bauen ein Thema, ein Bauen, ohne zu viel Land zu verbrauchen. Dabei sind Aufstockungen in Holzbauweise ein grosses Thema. Ist die Schweiz daher ein Vorbild für Berlin?

Eberl-Pacan: Die Themen in Ballungsräumen der Schweiz und in Berlin sind sicher ähnlich gelagert, wenn ich mir auch vorstellen kann, dass es Unterschiede gibt, zum Beispiel was die finanziellen Rahmenbedingungen angeht. Aufstockungen und Überbauungen sind technisch komplizierter und wirtschaftlich aufwendiger, sodass man in Berlin erstmal lieber die neu entstandenen Freiflächen nutzt, siehe Projekt Heidestrasse.

Würden Sie sich mehr Kontakte zwischen Schweizer Holzbauexperten und Berliner Fachleuten wünschen?

Eberl-Pacan: Ein Erfahrungsaustausch ist hier unbedingt wünschenswert. Ich stelle mir vor, dass die Partner aus der Schweiz interessante Ideen zur Finanzierung und vielleicht sogar zur Entbürokratisierung einbringen können. Interessant finde ich auch den Umgang mit privatem und öffentlichem Raum, den ich bei Projekten in der Schweiz sehe. Von Berlin können die Schweizer lernen, wie sich solche Projekte und Ideen angesichts knapper Kassen und beschränkter Ressourcen umsetzen lassen.

Eberl-Pacan
Architekten + Ingenieure für Brandschutz
Fasanenstraße 44
10719 Berlin-Wilmersdorf
Tel. +49 30 700 800 930