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Eine heftige Brandschutz Diskussion – Teil 4

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Teil 4 „Budenfax“

Es gibt Montagmorgen, da wäre man am besten gar nicht erst aufgestanden; nicht ins Büro gefahren und hätte schon gar nicht sein E-Mail-Postfach geöffnet, im dem sich unbearbeitete Mails von Freitag bis Sonntag tummeln. Manche Menschen – manchmel sind besonders Architekten darunter – gönnen sich am Wochenende auch sonst nichts.

Da ist zuerst die berühmte Binnen-Mail: „Wenn Sie nicht binnen …“ Gut, die konnte warten!

Dann eine E-Mail meines alten Duz-Freundes Konrad, den alle nur Knall-Ko nennen, einen Spitznamen, den er weg hat, weil ihm für eine sachliche Diskussion manchmal die Geduld, meistens aber die Argumente fehlen: „Sehr geehrter Herr Eberl-Pacan“ – cc an den Bauherrn – hoppla [1], das konnte nichts Gutes bedeuten! Und ist da ganz unten nicht noch eine E-Mail von Boris?

Ich brauche eine Auszeit und beschließe, mir erst mal einen starken Kaffee zu holen.

Als ich zurück komme, klingelt ungeduldig das Telefon. Das kann ja heiter werden! Es ist meine Mutter, die fragt, ob ich auch immer schön meine Ginkgo-Tabletten nehme. Die wären ja so gut gegen Demenz und Burnout.

Wenn ich es mir bloß aussuchen könnte!

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Der Bildschirm blickt mich böse an, die Maus funkelt frostig wie ein Eisklumpen. Gerade bin ich gedanklich in den Niederungen der Übertragung der Brandschutz-Anforderungen der Landesbauordnungen in europäische Klassifizierungen verhakt, da klingelt schon wieder das Telefon. Muss das sein?

Widerwillig löse ich mich aus der Tiefe meiner Gedankenexkursionen und drücke geistesabwesend den Knopf. Es ist Boris.

„Wir warten alle auf dich!“ blafft er los. „Wo?“ frage ich wie im Traum. „Auf der Baustelle. Ich habe extra alle zusammengetrommelt und dich eingeladen zur Bausitzung, damit wir mal den Brandschutz durchgehen können.“ „Welche Bausitzung?“ langsam dämmert es bei mir. „Na, du weißt doch …, oder hast du meine Mail nicht gelesen?!“

Ich erinnere mich dunkel an die E-Mail ganz unten im Postfach.

„Wie freundlich!“, ätze ich zurück, „und vor allem so früh schon! Der Rohbau ist so gut wie fertig und jetzt fällt Euch plötzlich ein: da fehlt doch was, z. B. Brandschutz!“

Ich brauche eine Auszeit und führe erstmal ein positives Selbstgespräch.

Draußen brennt die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Perfektes Wetter für ein Nickerchen auf meiner Dachterrasse. Wo habe ich nur heute Morgen mein Auto abgestellt? War da nicht eine Baustelle? Ich finde mein Auto wieder, eingekreist von zwei Experten des Ordnungsamts, die sich gerade akribisch meine Nummer notieren. Glücklicherweise ist es noch nicht abgeschleppt.

Ich steige ein und drehe erwartungsvoll am Zündschloss: Brandschutz muss laufen, wie der Motor im Auto”. Der kann auch mal schwächeln, tut nach ein paar vergeblichen Anläufen dann aber doch seinen Dienst. Das Auto fühlt sich an wie eine Sauna, das Lenkrad wie glühende Grillkohle. Die Klimaanlage ist ausgefallen und das Schiebedach klemmt: keine Erfrischung in Sicht.

Als ich auf der Baustelle ankomme, setze ich meine Karre fast in einen Sandhaufen, der von einer Reihe Baufahrzeuge verdeckt ist, wenigstens ein wenig Platz, das Auto abzustellen.

Hektisch und verschwitzt klettere ich aus dem Fahrzeug und rutsche prompt in eine Pfütze. Wasser schwappt in meine neuen Halbschuhe, die ich noch am Morgen auf Hochglanz poliert hatte. Über Stapel Schalbretter stolpere ich zur Baubude. Als ich die Tür öffne herrscht eisiges Schweigen. Alle Blicke sind erwartungsvoll auf mich gerichtet.

Ich brauche eine Auszeit und muss erstmal tief durchatmen.

Die Baubude ist völlig überhitzt, aber wie immer fußkalt – passend zu meinen nassen Füßen!

Die Luft ist zum Schneiden dick und riecht nach Staub, Blut, Schweiß und Tränen. Der Kaffee in meinem Becher ist dünn und obendrauf schwimmt ein Klumpen saure Milch. Überall hängen Pläne, der Tisch ist übersäht mit Papier.

Doch dann wird es ernst: Boris übernimmt das Kommando!

Wir beginnen im Keller. Auf dem Papier gibt es wenigsten keine Pfützen. Boris stellt Fragen, ich stelle Fragen! Wir checken alles durch, vergleichen den Brandschutznachweis mit der Ausführungsplanung.

Fehler, die wir schnell finden, hätten schon früher auffallen müssen und sich leichter heilen lassen. Wenn erstmal falsch gebaut ist, fallen selbst kleine Planungsfehler schwer ins Gewicht, kosten Geld und Zeit. Doch da müssen wir durch, da hilft keine Auszeit.

Boris kennt seine Baustelle, das muss man ihm lassen. Er ist voll in seinem Element: Wie ein Dirigent spornt er das Orchester der Fachplaner zu Höchstleistungen an, bringt selbst staubtrockene Ingenieure zum Klingen.

Er gibt die Einsätze, lässt fortissimo spielen und piano, dirigiert die Tutti und die Soli. Mit Lob und Kritik holt er die höchsten und tiefsten Töne aus seinen Instrumenten: Allegro spiritoso, Andante, ma non troppo, Allegretto, Vivace.

Er lässt nicht locker bis alle Begeisterung versprühen und ihre besten Ideen einbringen. Auch ich muss immer wieder im Baustellenhandbuch für den Brandschutz nachblättern, um noch bessere, noch passendere Brandschutz-Lösungen finden.

Wir verfolgen jedes Rohr, jedes Kabel, jeden Lüftungskanal quer durch das gesamte Gebäude. Ich erläutere den Unterschied zwischen tragenden und raumabschließenden Bauteilen und wir können so den Einbau unnötiger Abschottungen und Brandschutz-Türen verhindern.

Dort wo Brandschutz-Eintragungen falsch in die Ausführungspläne übernommen wurden oder aufgrund von Umplanungen, die nicht ausreichend kommuniziert wurde, sitzen Brandschutzklappen an den falschen Stellen oder sind überflüssig geworden.

Durchbrüche sind zu klein geplant für die Abstände, die das DIBt fordert: ein Klassiker. An manchen Stellen fehlen verstärkte Abhängungen für EI 90-Lüftungskanäle oder Abschottungen für brennbare Abwasserrohre: Sie wurden nicht ausgeschrieben und deshalb auch nicht beauftragt.

Die Brandschutz-Diskussionen mit Boris, den Fachplanern werden trotz der unerträglichen Hitze intensiver und zunehmend detaillierter. Fragen, Anregungen und Ideen prasseln auf mich ein und ich versuche kompetent dagegenzuhalten.

Ich erläuterte geduldig Paragraphen der Bauordnung, Abschnitte von Richtlinien und Inhalte von nationalen und europäischen Normen. Eigentlich bräuchte ich längst eine Auszeit, um mich mal ein wenig zurückzulehnen.

Doch endlich gibt es eine Pause. Der Budenfax [2] kommt mit einer Kiste kühlen Biers durch die Tür, der Polier will uns doch tatsächlich einen ausgeben. Herzlich willkommen! Wir sind durch das Gröbste hindurch, jeder schnappt sich eine Flasche und die Lage wird zunehmend entspannter.

Ich proste Boris zu und schnell entwickeln wir einen perfekten Plan.

„Und“ fragt Boris. „Was und?“, frage ich zurück, „Jetzt brauche ich einen Auftrag!“

Fortsetzung
zu Teil 1

Fußnoten:

[1] Das gute alte Hoppla wir immer mehr durch das moderne Ups ersetzt.

Eigentlich schade, Ernst Toller

Bei unerwarteten Situationen sagen immer mehr Deutsche nicht mehr hoppla, sondern ups. Das hat die Gesellschaft für deutsche Sprache beobachtet.

Die Sprachforscher fragen: “Was ist nur aus dem guten alten hoppla, geschweige denn dem wohlklingenden hoppala geworden?” Offenbar handele es sich um das Eindringen eines weiteren Anglizismus in den deutschen Sprachraum. Ups gehe auf das erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts in England notierte oops zurück. Ein Sprachforscher: “Anglizismen sind eben hip, trendy, up to date …”

[2] Die Baubude

Der Budenfax hat zum Frühstück gescheppert. Der Mörtel wird durchgemischt, die Maurerkelle mit der Bürste gereinigt. Dann gehr’s hurtig in die Baubude. Nach dem Grundlehrgang hat mich der Meister zum Mauern der Ecke eingesetzt, hat mich gelobt: “Wenn du so weiter machst, kannst du den Pfeiler in Verblendern hochziehen!” Läuft alles wie jeschmiert. So’n Lob hab ich in der Schule noch nie eingesteckt! Heute gibt’s Knete, 75 Mark auf die Hand, 20 kann ich behalten als Taschengeld, den Rest bekommt Mutter. Die kriegt heute von mir wie meine kleinen Schwestern ‘ne Tafel Schokolade. Soll mein Vater früher och jemacht haben. War Polier wie sein Vater. Mein Weg steht auch fest. Als Meister steht man sich nischt aus.

ln der Pressluftbude is et eng. Am Bankende kann ick nur uf ener Arschbacke sitzen. Der eiserne Ofen spuckt heute janz schön. Der Budenfax hat ihn mit Holzabfällen gefüttert. Der Alte führt en strenges Regiment, sorgt für Zucht und Ordnung. Zum Feierabend müssen alle Tische und Bänke frei sein, die Klamotten hängen an den Nägeln, alle Schuhe im Gestell am Ofen. Tische werden abgewischt, die Bude wird ausgefegt. Allet wat rumliejt, kommt in de Kiste in’t Magazin. Nach 2 Wochen wird’s wegjeschmissen. So einfach is det!

Natürlich hat man en Oge, wat die Kumpels allet so uff ihre Stullen haben. Die meisten haben für jede Pause drei oder vier Doppeldecker. Die Schwarzbrotscheiben sind bestrichen mit Blut- oder Leberwurst oder mit Streichkäse, manchmal och Harzer, selten Kartoffelpuffer oder gebratenes Ei, als Beilagen nach Saison Tomate, Gurke oder Apfel. Ab und an wird getauscht. Alles ist verpackt in Alu-Schatulle, nich wejen der Frischhalte, sondern wejen der Ratten und Mäuse, Sonst muss man seinen Brotbeutel frei im Raum aufhängen. Mit seine Wasserflasche prostet man sich zu, diskutieer Fußballspiele, verabredet sich zu Radtouren, lacht über Witze: “Er hielt den Pfahl und sagte: Immer wenn ich mit dem Kopf nicke, schlägst du drauf! – Er nickte nur einmal.”

Als einige zum Plumpsklo verschwinden hört man: „Ein Maurer erledigte sein Geschäft auf einem Klo ohne Rückwand. Wieso Schamgefühl” , fragt er. “Von hinten kennt ma keena, von vorne sieht ma keena!” Nach einer Sitzung oder zum Feierabend kann man sich an einem Hydrant die Hände waschen, zum Feiaabend och Hals und Jesicht.

Quelle: Kranz Manfred: Das Handwerk des Lebens erlernen; Protokollnotizen aus dem Arbeitsalltag einer berufsbildenden Schule; 2011, books on demand

Eberl-Pacan
Architekten + Ingenieure für Brandschutz
Brunnenstraße 156
10115 Berlin-Mitte
Tel. +49 30 700 800 930