Brennbar und die Feuerdiebe

Weihnachtsgeschichte 2018

Text: Reinhard Eberl-Pacan Zeichnungen: Dunja Morge

Auf seiner Reise kam Brennbar (siehe Weihnachtsgeschichte 2017) in ein dunkles und kaltes Land.

Im Sommer schien die Sonne lang, aber sie kam kaum über den Horizont hinaus, spendete wenig Licht und keine Wärme. Im Winter war sie fast ganz verschwunden und graue finstere Wolken brachten Schnee und Eis über die Felder und Seen.

Weiße Menschen wohnten in einfachen Hütten oder Iglus, die kaum mehr als Zwielicht und eine feuchte Kälte besaßen. Zum Kochen und Wärmen aber benutzten die Bewohner ein gelbes, fahles Feuer, das kaum wärmte, aber viel Nahrung brauchte. Da es schwer war, trockene Äste oder Zweige zu finden, Torf zu stechen oder Stroh zu ernten, war es rar und selten und meistens wurde das Essen roh gegessen und auf Licht und Wärme durch das Feuer verzichtet.

Vor langer Zeit hatten die weißen Menschen auch ein blaues Feuer, das wenig Brennstoff, aber viel Sauerstoff brauchte. Draußen konnte man damit herrliche Feuer entzünden und auf getautem Boden Fische grillen und Kartoffeln backen. Warm saßen die Menschen um das blau leuchtende Feuer herum und mischte sich ein wenig gelbes Feuer hinein, funkelte es grün wie ein Smaragd.

Doch die grauen Menschen hatten das blaue Feuer damals gestohlen und in ihre Häuser gebracht. Die grauen Menschen in dem Land lebten in Häusern aus Stein und Schotter. In den Kellern sammelten sie Dung und nasses Heu, das – wenn es gärte – eine faulige Wärme erzeugte, die wie Moder durch die Räume zog und schleimig von den Decken tropfte. Das blaue Feuer aber sperrten sie tief in ein Verließ, und weil es dort keine Luft und keinen Sauerstoff bekam, darbte es vor sich hin und konnte sein Leuchten nicht zeigen und keine Wärme abgeben.

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Die weißen Menschen klagten Brennbar ihr Leid und er hörte lange zu und überlegte, bis er etwas gefunden hatte. Weil er sich an seine Kindheit erinnerte, als er wild und frei durch die Wälder gestreift war, fiel ihm ein, dass er einst einen Einsiedler gesehen hatte, der rotes Feuer aus einem Stein schlug.

So suchte er in dem Land nach einem Feuerstein und lehrte seine Gastgeber, mit diesen Steinen rotes Feuer zu machen. Zusammen mit dem gelben Feuer leuchtete es orange wie Bernstein. Es war wärmer und heller als das gelbe Feuer allein und so brachte es den weißen Menschen ein wenig die Zeit zurück, als sie mit gelbem und blauem Feuer glücklich waren.

Alle freuten sich, besonders wenn die alten Menschen davon erzählten, wie schön das damals gewesen war. Sie berichteten sogar von einem geheimnisvollen Lichterfest, das gefeiert wurde, wenn das Jahr am dunkelsten und am kältesten war und das sie „Weihnachten“ nannten.

Bald sollte die Zeit kommen, wenn die Sonne fast völlig unter dem Horizont verschwand und keinen Schimmer und keinen Hauch mehr verbreitete. Nach vielen vielen Jahren wollten sie mit dem neu gewonnenen Feuer endlich wieder einmal Weihnachten feiern.

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Als die grauen Menschen davon erfuhren, sagten sie sich: „Wir wollen das Fest verderben und alle Feuer für uns haben. Schließlich sollen die weißen Menschen keine fremden, gefährlichen Feste mit Feuer in ihren Hütten und Iglus feiern. Es wird sie verderben und nur wir in unseren steinernen Häusern können das Feuer wirklich zähmen.“

Sie sandten eine Schar von Zinnsoldaten los, die mit List und Tücke aus Iglus und Hütten alle Feuer stehlen und in die Häuser aus Stein bringen sollten.

Brennbar aber war misstrauisch nach all den Geschichten, die ihm die weißen Menschen von den grauen Menschen erzählt hatten und er legte sich auf die Lauer, um die Feuer in Nacht und Schatten zu beschützen.

Eines Nachts, als er auf seinem Posten von den schönen Zeiten auf dem Bauernhof seines Vaters träumte, gewahrte er tatsächlich einen matten Schein von zwei Zinnsoldaten, die den Raubzug ihrer Artgenossen sichern sollten.

Er folgte lautlos dem schwachen Schein und bald entdecke er den Anführer der Schar, der bereits überall gelbes Feuer gesammelt und verschluckt hatte. Von dem vielen Feuer in seinem Leib leuchtete er gelblich wie Vanillepudding. Da er arglos zu sein schien, fasste sich Brennbar schnell ein Herz und fasste behände nach dem feigen Dieb.

Doch sein Schrecken war groß, als er sich beim Zupacken die Finger verbrannte und mit einem Schmerzensschrei den Räuber wieder loslassen musste. Wie sausten da die Zinnsoldaten mit wehenden Fahnen hinweg in die Finsternis und schnell waren sie von der Dunkelheit verschluckt und von Brennbar nicht mehr zu sehen.

Er konnte die Folie wie einen Asbesthandschuh von seiner Hand ziehen ... Zeichnung: Dunja Morge
Er konnte die Folie wie einen Asbesthandschuh von seiner Hand ziehen ... Zeichnung: Dunja Morge

Fast blind vor Schmerzen steckte er seine Hand tief in die kühle, morastige Erde und fand sofort Erleichterung. Als er die Hand nach einer Weile wieder herauszog, hatten sich Erde und Sand wie Leder und Silikon wie eine dicke Folie um seine Hand gelegt. Nachdem sie ein wenig getrocknet war, konnte er die Folie wie einen feuerfesten Asbesthandschuh von seinen Fingern und seiner Hand ziehen. Er rollte ihn zusammen und verwahrte ihn sicher in seinem Ränzchen.

Die weißen Menschen aber waren alle traurig, hatten sie sich doch schon so auf die kommenden Feierlichkeiten gefreut. Auch war das rote Feuer allein gefährlich und schnell richtete es allerlei Unheil in den Hütten und Iglus an. Mit Wasser und Eis war es kaum zu löschen und nur ein starker Sturm konnte es ausblasen, aber zu der Jahreszeit war der Himmel eher ruhig, Winde wehten selten und an Sturm war nicht zu denken. So richtete sich der Zorn schnell auch gegen Brennbar, der das Feuer gebracht hatte und um seine Haut zu retten, musste er sich sogar vor den weißen Menschen verstecken.

Die grauen Menschen hatten auch Angst vor dem gelben Feuer, dass es sich mit dem blauen Feuer zusammenschließen und ebenfalls viel Leid und Unheil anrichten würde. So sperrten sie es in ein anderes Kellerverließ, weit entfernt von dem blauen Feuer. Da dort nur Stein und wenige Krümel von Sand und Kies waren, darbte auch das gelbe Feuer ohne Nahrung vor sich hin und gab weder Licht noch Wärme.

Brennbar jedoch, der den weißen Menschen trotz ihrer Wut und ihres Zorns helfen wollte, verkleidete sich als fahrender Ofensetzer und mit Haube, Bart und Werkzeug diente er sich den grauen Menschen als Handwerker an: „Ich will euch Öfen bauen, damit ihr das blaue und das gelbe Feuer nutzen könnt“, versprach er. Ja mehr noch, in vielen Geschichten und Beispielen schilderte er ihnen den Nutzen und die Freude, das ihnen dazu auch das rote Feuer bringen konnte:

„Alle drei Feuer zusammen werden euer Herd des Glücks, zusammen nämlich sind sie gewaltig und stark, aber trotzdem gezähmt und für euch immer dienstbar. Nur zusammen bringen sie Licht und Wärme im Überfluss und zusammen sorgen sie auch dafür, dass eines der Feuer nicht übermächtig wird und großen Schaden anrichten kann,“ erläuterte er den grauen Menschen.

Seine Zuhörer aber waren erst feindlich und misstrauisch gesinnt, doch je mehr sie von dem neuen großen Feuer erfuhren, umso mehr wuchs der Wunsch und die Gier in ihnen, dieses Feuer und seine nützlichen Eigenschaften zu besitzen.

So ließen sie Brennbar ein in ihre Häuser und weil er Stein und Mörtel für seine Öfen brauchte, durfte er sich überall bewegen und umsehen. Bald fand er die traurigen Feuer in ihren Verließen und er sann nach einer List, wie er die Feuer befreien und zurück zu den weißen Menschen bringen konnte.

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Als er alle Öfen in den Häusern fertiggestellt hatte, sagte er: „Nunmehr brauche ich Säcke, die Feuer einzufangen, um sie in die Öfen zu bringen und dort das mächtige Wunder zu entzünden“. Die grauen Menschen aber hatten keine Säcke, so brachten sie ihm Blechdosen, dass er darin das Feuer transportieren möge.

„Wartet hier“, rief Brennbar, „ich werde wiederkommen und euch das wunderbare Feuer bringen. Macht euch gefasst auf eine große tolle Überraschung“

Nun musste es schnell gehen! Hurtig hüpfte Brennbar mit Sack und Pack die Stufen in den Keller hinunter. Dort angekommen, nahm er flugs seine Feuersteine aus dem Ranzen und entfachte ein rotes Feuer, das bald so stark und hitzig war, dass er damit die Schlösser und Ketten der Verließe schmelzen und die beiden anderen Feuer befreien konnte.

Mit der gemeinsamen Kraft der drei Feuer erhitzte er daraufhin die herumliegenden Steine und füllte sie in die Blechdosen, die er den grauen Menschen überlassen wollte. Zwischen den Fingern seines Asbesthandschuhs aber versteckte er sicher die drei Feuer.

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Kaum war sein Plan vollbracht, da riefen auch schon ungeduldig die grauen Menschen nach ihm und drohten ihm Hiebe an, wenn er nicht bald kommen wolle.

Oben angekommen, breitete Brennbar die Blechdosen vor sich aus. Hastig und gierig griffen die grauen Menschen nach den Dosen und oh je! Sie verbrannten sich alle die Finger an dem Blech und ein großes Geschrei brach aus. Zur Abkühlung ihrer Hände mussten sie diese an die kalten Steine ihrer Häuser halten und waren so wie gefesselt. Brennbar konnte schnell die Flucht ergreifen und die Flüche und Beschimpfungen der Betrogenen hinter sich lassen.

Die Freude bei den weißen Menschen war groß, als Brennbar wieder zurückkam und alle drei Feuer präsentierte. Tannenbäume und -zweige wurden mit Kerzen geschmückt, die rot und gelb und blau von Feuer funkelten. Inmitten der Hütten wurde ein großes Lagerfeuer entzündet, um das bald alle herumtanzten und fröhlich Weihnachten feierten.

Brennbar aber stand im Schatten und betrachtete die Menschen. Im bunten Funkeln in ihren Augen erkannte er, dass er etwas Gutes in dieses dunkle und kalte Land gebracht hatte. Dann brach er mit seinem Ränzel auf. Vor sich hatte er noch einen weiten Weg …

Eberl-Pacan
Architekten + Ingenieure für Brandschutz
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