Ein anthroposophischer Holzbau

Waldorf-Campus für Kindergarten, Schule und junge Erwachsene in Berlin-Schöneberg

Auf einem großzügigen Grundstück in der Innenstadt Berlins, Monumentenstraße 13 A/B, 10829 Berlin-Schöneberg, wurde ein waldorfpädagogischer CAMPUS errichtet, der vielfältige Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten für Kindergartenkinder, Schulkinder und junge Erwachsene vereinigt. Um dieses Projekt gemeinsam zu entwickeln, fanden sich mehrere waldorfpädagogische Einrichtungen von Kindergarten über eine allgemeinbildende Schule bis hin zu verschiedenen Ausbildungsträgern zusammen.

Waldorf-Campus – getanzter Holzbau

Ziel war es, ein breites Bildungsangebot zu schaffen, das allen Kindern und Jugendlichen offensteht. Die beteiligten Institutionen fühlen sich der regionalen Struktur – dem Kiez – verpflichtet und suchen die konkrete Zusammenarbeit mit örtlichen Initiativen. Die vielfältigen Kooperationsmöglichkeiten, Synergieeffekte sowie der Wille, gemeinsam die Grundanliegen der Waldorfpädagogik zu verfolgen, werden in diesem CAMPUS genutzt.

Die Zeitschrift bauen mit Holz/Der Zimmermann berichtet in der Ausgabe 5.2019 über den Anthroposophischer Holzbau-Campus.

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“Dank der beim Betonieren eingesetzten Strukturschalung passt sich die Betonoberfläche des Treppenhauses an die umgebende Holzstruktur an.”

“In Berlin feiert die Verbindung von Natur und Architektur, von Raum und Landschaft ein organisches Stelldichein. Form und Material kumulieren in baubiologischen, psychosozialen Baukörpern, die innen wie außen vom Holz determiniert werden. Gemäß der anthroposophischen Philosophie des Waldorf-Campus im Berliner Stadtteil Schöneberg galt es, einen ebenso wohngesunden wie das Prinzip sozialer Gerechtigkeit im Bildungswesen ermöglichenden Campus zu errichten. …”

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In dieser der anthroposophischen Philosophie verpflichteten Schule steht kein starrer Lehrplan im Mittelpunkt, sondern das lernende Kind, das seinen individuellen Weg vom Kindergarten zur Schule und dann zur Fachschule für Sozialpädagogik in einem kreativen und gesundem Raum finden kann.

Der neue CAMPUS wurde in drei Bauabschnitten geplant und realisiert. Es begann mit der Johannes-Schule Berlin und dem dazugehörigen Kindergarten und -hort, gefolgt von einer Bildungsstätte für Erwachsene, dem Rudolf-Steiner-Bildungszentrum, und wird durch eine neuen Sporthalle abgeschlossen, die im kommenden Jahr (2020) fertiggestellt werden soll.

Holz! Holz! Holz!

Der organische, natürliche und vielseitige Bau- und Werkstoff war sowohl beim Bauherrn, bei der Projektsteuerung, bei der Planung des Architekten und auch bei den ersten Überlegungen unseres Brandschutz-Teams von Anfang an fester Bestandteil des Gesamtkonzepts.

Nur damit konnten die Ansprüche der Nutzer, die Entwurfsideen der Architekten, die statischen, die ökologischen, die sozialen und auch die brandschutztechnischen Aspekte unter einen Hut gebracht werden.

Aus dem frühen Wettbewerbsentwurf entwickelt sich eine vielfältige Gebäudehülle, in der Kersten Kopp Architekten ein ganzheitliches Bildungs- und Ausbildungszentrum mit Saal-, Musik- und Eurhythmiebereich unterbrachten, das gleichermaßen für Kleinkinder, Schulkinder und Erwachsene geeignet ist.

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Das Brandschutzkonzept

Schulen sind sehr sichere Sonderbauten. Statistisch – soweit man diesen glauben kann – ist noch nie jemand in einer Schule durch Feuer oder Rauch ums Leben gekommen.

Das liegt vor allem an den Nutzern: Jung, wach und ausgesprochen mobil sind sie bei der Flucht kaum auf Hilfe angewiesen und müssen nicht groß motiviert werden, das Gebäude im Notfall – und auch sonst – zügig und geschlossen zu verlassen. „Hurra, Hurra, die Schule brennt!“ Regelmäßige Übungen und Unterweisungen tun ein Übriges, um einen sicheren Standard aufrecht zu erhalten.

Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich nicht, dass wir in Schulen auf Brandschutzmaßnahmen komplett verzichten können. Es zeigt nur, dass wir beim Brandschutz in Schulen auf einem guten Weg sind und die Sicherheit durch überzogene Maßnahmen nicht zusätzlich erhöhen müssen und – dass wir von den bestehenden Schulen, mit all ihren „Brandschutzmängeln“, sogar lernen können.

“Unsichtbarer” Brandschutz

Ein durchdachtes Brandschutzkonzept sorgt dafür, dass alle Gebäude des Waldorf-Campus auch ohne „notwendige“ Flure ausreichend Flucht- und Rettungswege haben.

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„Notwendige Flure“ vs „gesicherte Bereiche“

Eine vielbeklagte „Brandschutzeinrichtung“ in Schulen sind die sogenannten „notwendigen Flure“. Garderobenhaken, Infotafeln oder gar Schülerzeichnungen an den Wänden sind dort tabu. Diese leer geräumten trostlosen Gänge finden bei Schülern und Lehrern wenig Gegenliebe.

Es geht auch anders. Für das Brandschutzkonzept des Waldorf-CAMPUS entwickelten wir ein System von „gesicherten Bereichen“, die auch ohne „notwendige“ Flure ausreichend Flucht- und Rettungswege haben; entweder in einen Treppenraum oder in einen anderen „gesicherten Bereich“. Für Kinder und Pädagogen schafft dieses Konzept viele kreative Freiräume in den Erschließungs- und Kommunikationsbereichen, die in Schulen mit modernen offenen Unterrichtskonzepten besonders wichtig sind; ohne die Sicherheit oder den Brandschutz zu gefährden.

Das Spiel mit dem Material – Holz und Beton

Eine wichtige Komponente des Waldorf-Campus war die Schaffung natürlicher angenehmer und naturbelassener Materialoberflächen, Oberflächen zum „Begreifen“. Zum Sichtbeton mit rauen Spuren der Holzschalung bilden die sichtbaren Holzoberflächen einen spannenden Kontrast, der den Architekten besonders wichtig war.

Sichtbare Holzoberflächen für Gebäude der Gebäudeklasse (GK) 3 (Höhe des obersten Fußbodens ≤7 m) stellten 2014 an und für sich keine Herausforderung mehr dar. Spätestens seit der Novellierung der Bauordnung Berlin (BauO Bln) von 2007 waren für diese zuvor als „Gebäude niedriger Höhe“ eingestuften Bauten tragende sowie raumabschließende feuerhemmende (F 30) Bauteile ausreichend. Für die Herstellung dieser Bauteile sind wiederum – außer für Treppenräume – brennbare Baustoffe (Holz) zulässig.

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Diese Tatsache war jedoch an vielen Architekten und Planern vorbeigegangen. Vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht aus Unwissenheit wurde weiterhin auch bei niedrigen Bauten mit Beton und Stahl gebaut und Holzbau gar nicht in Erwägung gezogen, besonders wenn es sich auch noch um Sonderbauten wie Schulen handelte. Einige vorausschauende Architekten – und dazu gehören Kersten Kopp Architekten – die schon früh auf Holzbau setzten, stießen immer wieder auf Widerstände, meistens mit dem hier völlig abwegigen Argument des Brandschutzes: „Holz brennt doch!“

Vom Konzept zum Detail

Wir wollten das nicht hinnehmen. Die baurechtlich erlaubten Einsatzmöglichkeiten für den Holzbau waren damals sowieso begrenzt und dann auch noch dort auf Holz verzichten, wo diese Bauart erlaubt ist? Nicht mit uns! Gemeinsam mit den Architekten und Tragwerksplanern entwickelten wir ein Brandschutzkonzept, das – mit Ausnahme der Treppenräume – voll auf Holz setzte. Dieses Holz sollte auch nicht aufwendig mit Gipskartonplatten gekapselt werden. Im Brandfall sollte es einfach brennen – und zwar sicher! Der Brandschutz im Holzbau funktioniert nämlich genau über den sogenannten Abbrand.

Bei einem Holzbau bedarf es zusätzlich einer intensiven Beschäftigung mit den brandschutztechnischen Details, z.B. mit dem Thema: „Einsatz von Bauprodukten im Holzbau“.

Viele der wichtigen Bauprodukte für den Brandschutz, wie Abschottungen oder Brandschutzklappen, haben Verwendbarkeitsnachweise für typische feuerbeständige Bauteile aus nichtbrennbaren Baustoffen. Für den Einbau in „feuerhemmende“ oder „feuerbeständige“ Bauteile aus Holz sind sie nicht zugelassen.

Bei einem Gebäude der GK 3 treten hier durch den Holzbau zwar weniger zusätzliche Anforderungen auf, z.B. muss die Außenwand nicht – wie bei höheren Gebäudeklassen – „feuerhemmend“ sein. Zudem wurden die Decken aller Sanitärräume ebenso wie die Treppenwände in Stahlbeton hergestellt, sodass alle für Leitungsanlagen erforderlichen Abschottungen zulassungskonform verbaut werden konnten.

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Vom Konzept zum Detail: Stufen der Brandschutzvisualisierung.

Die Architekten Minka Kersten und Andreas Kopp vom Büro Kersten + Kopp planten die Johannes-Schule-Berlin als Holzbau. Früh banden sie Reinhard Eberl-Pacan als Brandschutzplaner ein. Andreas Kopp: „Holzbau ist in Sachen Brandschutz immer noch ein Angstthema und für uns trotz Erfahrungen auf diesem Gebiet kein Tagesgeschäft“.

DAB März 2017

Fazit

Holz als Baumaterial ist perfekt für Schulen geeignet. Ganz besonders für solche, in denen kein starrer Lehrplan im Mittelpunkt steht, sondern der kreative, Erfahrungen sammelnde junge Mensch, dessen individueller Weg einen angemessenen Raum verdient hat.

Einen Raum mit begreifbaren Oberflächen, mit angenehmer Atmosphäre und mit gesunder, gedächtnisfördernder Raumluft. Raum in einem Gebäude, das aus nachhaltigen Baustoffen errichtet, irgendwann rückstandsfrei wiederverwendet oder entsorgt werden kann, ohne als Sondermüll künftigen Generationen massiv Ärger zu bereiten.

Nach Jahren der Abstinenz erlebt der Holzbau auch bei der Errichtung von Schulen eine Renaissance. Die Materialeigenschaften und die umfassenden Möglichkeiten zur Vorfertigung ermöglichen ein solches ökologisches und nachhaltiges Bauen mit viel Potenzial zur Einsparung von CO2 ebenso wie eine schnelle Bauausführung. Dazu müssen alle Teile frühzeitig so geplant werden, dass sie später optimal ineinandergreifen.

Eberl-Pacan
Architekten + Ingenieure für Brandschutz
Brunnenstraße 156
10115 Berlin-Mitte
Tel. +49 30 700 800 930