Styropor an Fassaden – eine tickende Zeitbombe?

Wärmedämmung und Hausbrände

Großbrand in Delmenhorst Foto: dpad
Großbrand in Delmenhorst Foto: dpad

Ein besonderes Augenmerk haben die NDR-Redakteure Güven Purtul, Nicolai Kwasniewski und Christian Kossin auf einen mehr und mehr alltäglichen Stoff gelegt: Styropor in Wärmedämmfassaden.

Die Ergebnisse ihrer Recherchen sind bemerkenswert und beängstigend zugleich. Sie entlarven die Machenschaften der Dämmindustrie und die wahren Ziele vorgeblicher Energieeinsparer.

WDVS als Brandbeschleuniger

40 Millionen Quadratmeter sogenannter Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) kleben Handwerker jedes Jahr auf alte und neue Hausfassaden. 85 Prozent davon bestehen aus Polystyrol-Dämmplatten, die aus Erdöl hergestellt werden. Eigentlich sollen sie die Wärme im Haus halten – gleichzeitig wirken sie in bestimmten Brandfall als Brandbeschleuniger und können schwere Fassadenbrände verursachen

Styropor im Feuertest

Die NDR-Reporter haben das Material einem Realitätstest unterzogen und darüber in der Dokumentationsreihe “45 Min” berichtet.
Das Brand-Experiment wurde in der Materialprüfanstalt Braunschweig durchführt. Bei dem Versuch wurde ein Zimmerbrand mit Flammen simuliert, die durch die Fensteröffnung auf die Fassade schlagen. Dort waren 16 Zentimeter dicke Dämmplatten aus Polystyrol verklebt, geschützt durch Armierung, Putz und Anstrich.

Das erschreckende Resultat: Bereits nach acht Minuten fing die Fassade Feuer und der Versuch musste abgebrochen werden, obwohl die Dämmung den Flammen hätte zwanzig Minuten standhalten müssen. Zusätzlich bildete sich am Boden unter der Versuchswand ein Feuer aus brennend abtropfendem Polystyrol und große Mengen giftiger, schwarzer Rauchgase breiteten sich in der Prüfhalle aus.

Uwe Zingler von der Feuerwehr Braunschweig musste den Brand mit seinem Team löschen. Sein Fazit: “Nach acht Minuten kann so eine Fassade schon gänzlich brennen und dann besteht die Gefahr, dass sich über die Fassade ein Dachstuhlbrand entwickelt”.

leere Zeile

Reale Brandfälle

Die NDR-Reporter haben ähnliche Brandfälle in der Realität zusammengetragen:

  • Bei einem Großbrand im Juni 2011 hatten Jugendliche in einer Wohnanlage im niedersächsischen Delmenhorst zwei Müllcontainer angesteckt. Dabei brannten gleich fünf Mehrfamilienhäuser aus, weil die mit Polystyrol gedämmten Fassaden Feuer gefangen hatten und der Brand rasch auf die hölzernen Dachstühle mehrerer Gebäude übergreifen konnte.
  • Der Großbrand eines Hauses in Berlin sorgte 2005 für Aufsehen. Die mit Polystyrol gedämmte Fassade fing Feuer und der Brand verbreitete sich nach Beobachtungen von Zeugen rasend schnell.

“Dass ein Zimmerbrand dazu führt, dass die Fenster platzen, die Flammen raus schlagen, das ist nichts Besonderes”, erinnert sich Albrecht Broemme, der damals als Leiter der Berliner Feuerwehr vor Ort war. “Dass aber die Fassade dann anfängt zu brennen und von sich aus den Brand mit einer ganz starken Intensität weitertreibt und dann von der Fassade aus das Feuer in weitere Wohnungen rein läuft – das ist schon ein Fall, der Gott sei Dank sonst nicht vorkommt.”

Zulassungen durch Hersteller

Normalerweise wird die Brandsicherheit von WDVS mit Polystyrol wird im Rahmen des Zulassungsverfahrens mit Brandversuchen im Originalmaßstab geprüft. Die Prüfungen werden von der Leipziger Prüfungsanstalt für das Bauwesen und vom Materialprüfungsamt Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Die Tests werden von den Herstellern der Dämmsysteme selbst beauftragt und bezahlt. Ein NDR-Reporterteam hatte sich über Monate bemüht, durfte bei einem solchen Versuch aber nicht drehen.

Eklatante Unterschiede

Die NDR-Reporter stellten eklatante Unterschiede zwischen dem selbst beobachteten Test und den offiziellen Prüfungen der Zulassungsverfahren der Hersteller fest.
Im Gegensatz zu herkömmlichen Tests verzichteten die Prüfer bei dem NDR-Test auf den Einbau von Brandsperren aus nicht brennbarer Mineralwolle über dem Fenstersturz. Solche 20 cm breiten Streifen sollen ein Eindringen der Flammen in die Wärmedämmung aus Polystyrol verhindern.
Sie sind bei Einfamilienhäusern nicht vorgeschrieben und sind bei höheren Gebäuden (bis 22 Meter Höhe) erst in WDVS ab einer Dicke von 100 Millimetern erforderlich. Alternativ können auch “umlaufende Brandriegel” eingebaut werden. Nach jeder zweiten Etage wird dann ein umlaufender, 20 cm breiter Streifen aus nicht brennbarer Mineralwolle verbaut.

Simulierter Zimmerbrand in der Materialprüfanstalt Braunschweig. Foto: dpad
Simulierter Zimmerbrand in der Materialprüfanstalt Braunschweig. Foto: dpad

Der Einfluss der Lobbyisten

Hinter den fragwürdigen Zulassungen steckt nicht zuletzt der Einfluss von Lobbyisten. Die Vorgaben der Energie-Einsparverordnung werden am Deutschen Institut für Normung geschrieben.
Nach Recherchen des NDR-Info Redakteurs Nicolai Kwasniewski ist der zuständige Bauausschuss personell eng verwoben mit der Industrie. Der Fachbereichsleiter arbeitet gleichzeitig für einen Dämmstoffhersteller; der Verantwortliche für Wärmedämmstoffe ist Leiter des Forschungsinstituts für Wärmeschutz (FIW), einem Lobby-Verein der Dämmstoffindustrie.

Beim FIW sitzt wiederum Wolfgang Setzler im Vorstand, er ist gleichzeitig Geschäftsführer des Fachverbandes Wärmedämm-Verbundsysteme und hält diese Verknüpfung für unproblematisch. Die Arbeit für das FIW sei ehrenamtlich, ohne Menschen wie ihn, die dieses Amt ohne Bezahlung führen, gäbe es gar keinen Vorstand. Im Übrigen könne “ein gewisser Lobbyismus” in keiner Richtung ausgeschlossen werden:

“Es ist so, dass überall dort, wo Menschen sind, deshalb sagt man das, menschelt es.” Das “Menscheln” zwischen Politik und Industrie ist der Bundeskanzlerin offenbar ganz recht: Die Förderprogramme für die energetische Sanierung verkauft Angela Merkel als großen Erfolg, auch für die Wirtschaft.

Konjunkturmaßnahme statt Umweltschutzmaßnahme?

Der Bauphysiker und Energie-Berater Frank Essmann, der ebenfalls an der Energie-Einsparverordnung mitarbeitet, hält das Sanierungsprogramm deshalb auch eher für ein Konjunkturpaket als für eine Umweltschutzmaßnahme.

Es sei wie bei der Abwrackprämie: “Letztlich geht es auch hier ganz klar um wirtschaftliche Interessen und nicht nur um die CO2-Einsparung. Denn wenn man wirklich mal die Gesamtbilanz aufstellt, ist sie häufig nicht so positiv, wie sie immer dargestellt wird.” Ihre Klimaziele werde die Bundesregierung so allerdings nicht erreichen.

dena weist Kritik an Wärmedämmung zurück

02.12.2011

Aktuelle Medienberichte stellen die Wärmedämmung von Gebäuden als Mittel zur Energieeinsparung und CO2-Reduzierung in Frage. Aus Sicht der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena) sind diese Darstellungen haltlos und weisen überwiegend auf eine unsachgemäße Verarbeitung der Materialien oder eine falsche Planung hin. “Die Gebäudedämmung ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil, um die Energieeffizienz von Gebäuden zu erhöhen, Heizenergie zu sparen und klimaschädliche CO2-Emissionen zu reduzieren”, betont Stephan Kohler, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung.

dena GmbH

Einsparpotenziale und Wirtschaftlichkeit

Für optimale Ergebnisse sollte die Dämmung in ein energetisches Gesamtkonzept eingebettet sein, das auch Fenster und Gebäudetechnik beinhaltet. Ebenso wichtig ist eine fachgerechte Ausführung durch qualifizierte Experten. Die dena hat bei den von ihr betreuten Modellprojekten nachgemessen, wie viel Energie mit einer solchen Komplettsanierung gespart werden kann. Der Energieverbrauch sank um 70 Prozent und entsprach damit genau den vorher berechneten Einsparprognosen.

Zudem lassen sich energetische Sanierungen bei einem ohnehin bestehenden Sanierungsbedarf wirtschaftlich umsetzen. Das belegt die von der dena veröffentlichte Sanierungsstudie, die hocheffiziente Sanierungen von Mehrfamilienhäusern ausgewertet hat.

Brandschutz

In Deutschland gibt es sehr hohe Sicherheitsstandards. Das gilt auch beim Brandschutz. Die fachgerechte Ausführung der Dämmmaßnahmen spielt dabei eine entscheidende Rolle. Maßgebend dafür ist die Brandschutzverordnung, die die Verwendung der Baustoffe regelt und vorschreibt, wo an der Fassade Brandsperren angebracht werden müssen. Die Brandschutzverordnung wird regelmäßig aktualisiert und auf den Stand der Technik gebracht.

Zudem unterliegen alle Baumaterialien in Deutschland einer Zulassungspflicht und werden intensiv von etablierten Instituten geprüft. So wird auch das Brandverhalten von Wärmedämmverbundsystemen in Brandversuchen im Originalmaßstab getestet, bevor sie auf den Markt kommen.

dena: “Gebäudedämmung ist ein wichtiger Bestandteil, um Klimaschutzziele zu erreichen”

Algenbildung

Die Problematik der Algenbildung an gedämmten Fassaden ist vor allem eine optische Beeinträchtigung. Sie kann entstehen, wenn der Außenputz der Fassade im Vergleich zur Luft kalt ist und sich dort Feuchtigkeit niedersetzt.

Eine Algenbildung muss aber nicht von der Dämmung verursacht sein. Es gibt eine Reihe von äußeren Faktoren, die diese Entwicklung begünstigen, zum Beispiel dichter Pflanzenbewuchs in Fassadennähe, stark verschattete Bereiche der Fassade oder eine verstärkte Schlagregenbeanspruchung, vor allem auf der Nord- und Westfassade.

Die äußeren Einflüsse können durch eine sorgfältige Planung minimiert werden. Dabei spielen zum Beispiel ausreichende Dachüberstände eine wichtige Rolle. Zudem bietet der Zusatz von Bioziden (Algizide bzw. Fungizide) im Außenputz oder der Farbe Schutz. Auch der Einsatz mineralischer Putze ist möglich.

Schäden durch Spechtlöcher

Das Auftreten von Spechtlöchern an gedämmten Fassaden ist ein Randthema. Das zeigt auch eine Umfrage der Zeitschrift “Ausbau und Fassade” bei Unternehmen des Stuckateurhandwerks aus dem Jahr 2010, in der die überwiegende Mehrheit der Stuckateure das Thema als irrelevant einstuft. Zudem treten Tierschäden nicht ausschließlich in der Dämmschicht von sanierten Häusern auf. So zerfressen Marder zum Beispiel auch Leitungen auf Dachböden und verunreinigen oder zerkratzen Fassaden.

Pressekontakt:
Kristina Zimmermann
Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena)
Chaussesstraße 128a
10115 Berlin
Telefon-Nummer: 030.726.165.682
Fax-Nummer: 030.726.165.699
E-Mail-Adresse: zimmermann@dena.de

Eberl-Pacan
Architekten + Ingenieure für Brandschutz
Brunnenstraße 156
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Tel. +49 30 700 800 930